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„Dresden macht sich klein“: Was beim BSW-Sporttalk so zu hören war

Podium und Zuhörer bei der Talkrunde des BSW im Heinz-Steyer-Stadion

Jan Beyer-Westendorf vom 1. FFC Fortuna diskutierte aktiv mit.

Thomas Wegner sprach über die Erfahrungen seines ESC.

Durch welchen Eingang es zur Veranstaltung ging, war nicht zu übersehen.

Annett Hoffmann leitet seit August die Geschäfte beim DSC.

Robert Baumgarten empfahl, auch mal über den Tellerrand zu schauen.

Auch Torsten Mikoteit, Vizepräsident von Motor Trachenberge, kam zu Wort.

Sie nahmen an der BSW-Talkrunde teil (von links): Ralf Böhme, Frank Reichelt, Annett Hoffmann und Robert Baumgarten.

Das erfolgreichste Amt Deutschlands ist zweifellos – das Ehrenamt. Nun stand es auch im Mittelpunkt des Podiumsgesprächs, zu dem die BSW-Stadtratsfraktion ins Heinz-Steyer-Stadion eingeladen hatte. Unter dem Titel „Sportvereine am Limit“ wurde oben im Veranstaltungsraum der tollen Arena in sportlicher Atmosphäre bei eingeschaltetem Flutlicht lebhaft darüber diskutiert, wie der Vereinsalltag in Zeiten knapper Kassen zu meistern ist, wenn bürokratische Hürden bremsen, defizitäre Infrastruktur einen besonderen Aufwand verursacht und die so wertvollen Ehrenamtler an die Grenzen geraten.

Teilnehmer der Talkrunde waren DSC-Geschäftsführerin Annett Hoffmann, Stadtsportbund-Geschäftsführer Robert Baumgarten und Rotation-Präsident Frank Reichelt sowie BSW-Fraktionschef Ralf Böhme als Moderator. Aber auch die vielen Vereinsvertreter im Publikum hatten eine Menge auf dem Herzen.

Die Veranstaltung war ein außerordentlich gelungener Jahresabschluss. Wir haben einige der bemerkenswertesten Aussagen des Abends für Sie zusammengestellt.

Thomas Wegner, Vizepräsident des Eissportclubs Dresden

Ich sehe solche Treffen wie heute megapositiv. Die Vereine vernetzen sich, man lernt sich kennen und hilft sich dann auch gegenseitig. Dieser kurze Draht ist Gold wert.

Frank Reichelt, Präsident des TSV Rotation Dresden

Wenn ich mal ein bisschen im Eigennutz schwelgen darf: Der Fraktion des BSW gebührt unser großer Dank. Mit ihrer Unterstützung haben wir es endlich geschafft, dass unsere Tenne – die eine der letzten in Dresden sein müsste – in einen Kunstrasenplatz umgewandelt wird.

Annett Hoffmann, Geschäftsführerin des Dresdner Sportclubs

Entbürokratisierung ist ein ganz großes Thema. Ehrenamtler sind meist zum Sporttreiben in den Verein gegangen. Dann wurden sie wegen ehrenamtlicher Tätigkeit angesprochen und konnten nicht Nein sagen, weil sie natürlich auch wollen, dass der Verein erhalten bleibt. Später merken sie aber, wie viel da an Papierkram dranhängt. Da würde deutlich mehr Entlastung guttun. Das fängt bei Fördermitteln, bei Finanzen an.

Robert Baumgarten, Geschäftsführer des Stadtsportbunds Dresden

Ich bin ein Freund davon, nicht immer neue Konzepte zu entwickeln, sondern einfach auch mal zu schauen, was macht denn der Nachbar. Gerade bei digitaler Fördermittelbeantragung gibt es Systeme, die funktionieren wunderbar. Da müssen wir nicht bei uns erst jahrelang etwas entwickeln. Und bei den 10 Prozent, die dann vielleicht doch nicht passen, schaut man, wie man sie korrigiert.

Jan Beyer-Westendorf, Nachwuchstrainer beim 1. FFC Fortuna Dresden

Leipzig hat die ganzen Sportstudenten. Aber wir haben ja auch eine sehr prominente Universität. Natürlich muss man in Dresden jetzt nicht Sport studieren können, aber es gibt ja auch mit dem Sport assoziierte Studiengänge wie zum Beispiel Sportmarketing oder Sportwirtschaft. Das wäre etwas für Leute, die aus dem Sport kommen und in der Richtung später ihr Geld verdienen möchten. Ich wüsste nicht, warum die TU nicht ein oder zwei solche Studiengänge anbieten könnte, so dass sportaffine junge Menschen in Dresden bleiben, statt abzuwandern. Dresden macht sich hier klein. Wir sprechen von einer Sportstadt und holen auch wirklich große Events hierher. Aber wir müssen ganz viele Profis einkaufen, weil wir sie in Dresden nicht groß werden lassen.

Frank Reichelt

Wir haben da so einen Slogan. Wir wollen Menschen aller Altersklassen in Bewegung bringen. Und der zweite Teil ist genauso wichtig: Wir wollen sie auch in Bewegung halten. Es macht keinen Sinn, wenn sich Leute für den Sport interessieren, drei oder vier Mal zu uns kommen und dann wieder verschwinden. Dann haben wir als Verein etwas falsch gemacht. Vielleicht haben sie noch nicht die richtige Sportart für sich gefunden, dann sollten wir ihnen etwas anderes anbieten, was sie ausprobieren können. Die dürfen uns nicht gleich wieder davonlaufen. Das ist der Fokus, auf den wir unsere Arbeit richten. Wir wollen den Stand von 1100 Vereinsmitgliedern noch toppen.

Annett Hoffmann

Wir wissen alle, wie schwierig es geworden ist, neue Ehrenamtler zu gewinnen. Viele, die unterstützen wollen, und das sind gar nicht so wenige, wollen viel flexibler agieren als bis dato. Ich komme dreimal pro Woche zum Training und unterrichte jemanden – das wird immer weniger. Da müssen wir uns Gedanken machen, wie wir das Ehrenamt künftig gestalten.

Thomas Wegner

Übungsleiter und Trainer sind nur ein Bruchteil dessen, was an Ehrenamtlern benötigt wird, um so einen Trainings- und Wettkampfbetrieb aufrechtzuerhalten, wie wir ihn bei uns im Eishockey betreiben. Bei 80 Prozent handelte es sich um uns wohlgesonnene Menschen, Eltern vor allem, die sich mit Herzblut engagieren, ohne dafür eine Gegenleistung zu bekommen. Solche Leute zu finden, ist natürlich schwierig. Was haben wir als Verein gemacht? Wir haben ein Arbeitsstundenmodell in die Satzung geschrieben: Alle Eishockeyspieler und ihre Angehörigen werden verpflichtet, eine gewisse Anzahl an Stunden gemeinnützig im Verein zu leisten. Es geht um eine Stunde pro Monat, also nichts Weltbewegendes. Die Idee dahinter ist vielmehr, dass die Leute merken: Hey, das macht doch Spaß. Ansonsten sind wir auch immer dankbar für junge Menschen, die im Rahmen von Freiwilligendiensten zu uns kommen. Das ist eine Riesenunterstützung.

Jan Beyer-Westendorf

Ich finde es total schwierig, das Ehrenamt von der Infrastruktur zu lösen. In vielen Vereinen und Sportarten haben wir Zulauf. Aber ich verbringe im Trainerchat meines Vereins zwei Drittel der Zeit mit Infrastruktur. Uns wurde die Halle gestrichen, wo ist noch eine frei? Unser Rasen wurde gesperrt, wohin können wir ausweichen? Zwei Drittel der Chat-Zeit verbringen wir mit so etwas. Ich fordere nicht neue Sportstätten, ich bin Realist. Ich weiß, dass kein Geld da ist. Aber kann man sich nicht ein einziges Mal, wenn irgendwo in der Stadt eine neue Schule gebaut wird und damit auch eine neue Schulsporthalle, vorher die Frage stellen: Welche Sportarten habe ich bei uns im Stadtteil und wie muss deshalb die Halle aussehen? Vielleicht baue ich eine Drei-Felder-Halle statt einer Zwei-Felder-Halle. Das ist ein wenig teurer, doch damit habe ich sowohl den Schul- als auch den Vereinssport abgedeckt.

Annett Hoffmann

Es wäre schön, wenn wir die Sportstätten selber sofort buchen könnten. Der Weg ist da immer noch sehr, sehr lang. Es gibt mittlerweile Städte, wo man einfach eine Seite aufruft und erstens sieht, welche Hallenkapazitäten frei sind, sowie zweitens auch gleich eine Buchung vornehmen kann. Bei uns ist der Weg so, dass wir eine Anfrage stellen, was wir wo und zu welcher Zeit suchen. Dann kommt als Rückmeldung beispielsweise: Dort ist nichts frei, ich könnte ihnen folgende Alternative anbieten. Also geht man wieder in die Abteilung zurück und bespricht die Lage. Wenn man dort einverstanden ist, meldet man das zurück und bekommt eine Bestätigung dafür. Das ist ein sehr langer Weg. Und wenn wir bei Bürokratie und vielen WhatsApp-Nachrichten sind, dann gehört das dort dazu. Ich glaube, da kann man wirklich sehr, sehr viel vereinfachen, indem ein offenes System eingerichtet wird, auf das alle Zugriff haben. So läuft das in anderen Städten, die Kommune kann sich das einfach abgucken. Das sollte genauso möglich sein, wie wir uns mit anderen Vereinen austauschen.

Ralf Böhme, Fraktionsvorsitzender des BSW im Stadtrat Dresden

Das digital basierte Öffnen und Schließen sowie auch das Buchen von Sportanlagen sollte heutzutage eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Woanders funktioniert das schon. Das ist dann das sprichwörtliche Dresden-Tempo, wie wir immer sagen. Das ist in vielerlei Hinsicht etwas langsamer als anderswo. Aber das ist dann eben unser Job als Stadträte, uns da entsprechend einzusetzen, dass sich die Verwaltung schneller bewegt, besser bewegt, fokussierter bewegt.

Robert Baumgarten

Ist zu wenig Geld für den Sport da? Das glaube ich nicht. Aus unserer Sicht wird es nur falsch verteilt, weil die Prioritäten andere sind. Unter zehn Prozent des Dresdner Haushalts gehen in den Sport. Dabei sind bei 570.000 Einwohnern rund 130.000 Mitglieder in einem Sportverein. Die Würdigung, die der Sport in vielen Reden erfährt, müsste also nur mal mit monetären Prioritäten untersetzt werden. Das wäre mein Appell an die Politik. Aber auch wenn die Aussichten gerade nicht die tollsten sind, haben wir in Dresden ein relativ hohes Niveau. Deshalb möchte ich in der Vorweihnachtszeit sagen: Wir sollten schon kritisch, aber auch optimistisch bleiben. 

Ralf Böhme

Es gibt eine Menge Initiativen, die extrem offensiv gegenüber der Politik sind. Die stehen vor dem Rathaus, im Rathaus, wenn der Stadtrat tagt. Da kann der Sport ruhig auch mal stehen, auch wenn das jetzt vielleicht gar nicht so seine Art ist. Aber diese Rolle und das Gewicht, was der Sport hat, auch mal mit so einer Aktion deutlich zu machen, das würde ich mir wünschen.