Bedrohte Oase an der Prießnitz: Stadt soll Karten offenlegen
Einige hundert Meter, bevor die Prießnitz in die Elbe mündet, macht sie zwischen Hohnsteiner und Bautzner Straße einen Bogen. Auf dessen Innenseite ist 1982 eine Kleingartensparte mit heute 36 Parzellen entstanden. Geht es nach dem Umweltamt, sind die Tage dieser grünen Oase in der Neustadt jedoch gezählt. Wird die „Maßnahme M-5“ umgesetzt, verläuft die Prießnitz künftig mitten durch die Anlage. Ein funktionierendes Ökosystem würde durch Umbau und Neugestaltung komplett zerstört. BSW-Stadtrat Maurice Devantier hat sich vor Ort mit den Kleingärtnern getroffen, für die dieses Vorhaben ein Schlag ins Gesicht ist.
Der Stadtrat wird sich in Kürze mit dem Hochwasserschutz im Bereich der Prießnitz befassen. Das Flüsschen quert, aus der Dresdner Heide kommend, die Neustadt von Nord nach Süd und ergießt sich ungefähr auf halber Strecke zwischen der Albert- und der Waldschlösschenbrücke in die Elbe. Die Vorlage des Umweltamtes zum „Hochwasserrisikomanagementplan Prießnitz“ dürfte kaum Kontroversen hervorrufen. Rechtzeitig Vorsorge zu treffen für ein mögliches nächstes Hochwasser, erscheint durchaus ratsam. Wobei die Prießnitz in dieser Hinsicht allerdings vergleichsweise wenig Probleme macht. Sie trocknet im Gegenteil gern mal aus.
Die Kleingartenanlage Prießnitzaue stand nichts desto Trotz über die Jahre schon das ein oder andere Mal unter Wasser. Das lag in der Regel am Rückstau bei Elbehochwasser. Die Schäden hielten sich in Grenzen. Beim Kleingartenverein sieht man die Gefahrenlage eher gelassen, ist aber auch nicht gegen Hochwasserschutz. Wenn man sie jedoch schützen will, indem man sie vertreibt und ihre Anlage plattmacht, hört das Verständnis auf.
Aus für die Kleingartenanlage?
Als der „Hochwasserrisikomanagementplan“ im vergangenen Sommer öffentlich ausgelegt wurde, da informierte die Stadt auch über geplante Maßnahmen, die nicht unmittelbar dem Hochwasserschutz zuzurechnen sind, sondern generell den Zustand der Prießnitz und die Aufenthaltsqualität an ihren Ufern verbessern sollen. Teil der jetzigen Vorlage sind sie nicht, hängen aber als Damoklesschwert schon seit vielen Jahren über der Kleingartensparte.
Vor über zehn Jahren hat man dort nämlich erstmals von der „Maßnahme M-5“ erfahren, die die Sanierung des Prallbogens und in ihrer 1,5 Millionen Euro teuren Vorzugsvariante die Begradigung des Flussbetts zum Inhalt hat. Statt in einem Bogen um die Gärten herumzuführen, soll die Prießnitz so verlegt werden, dass sie künftig mitten durch die Anlage verläuft. Von deren Weiterbetrieb ist in den Unterlagen keine Rede. Auch der gesamte Baumbestand – nach Angaben des Vereins 156 Bäume – müsste einer vollständigen Neugestaltung des Geländes zu einem Park weichen.
Nutzen für Mensch und Natur
Die wegen solcher Perspektiven zutiefst besorgten Kleingärtner wiesen in einer Stellungnahme an das Umweltamt vor knapp einem halben Jahr darauf hin, welchen Wert ihre Anlage für den Standort hat. So werden die 36 Pachtgärten von 145 Personen bewirtschaftet, wobei fast ein Drittel Kinder und Jugendliche sind. Außer dem Hauptweg sind auf dem Areal kaum Flächen versiegelt. 72 nachgewiesene Wildbienenarten haben hier ihren natürlichen Lebensraum, mehr als in jeder anderen Dresdner Kleingartensparte. In der Abenddämmerung sind Fledermäuse zu beobachten, auch Schlangen, Eidechsen und Kröten wurden schon gesichtet. Die Prießnitzimkerei stellt hier ihre Bienenstöcke auf. Und dieses intakte Fleckchen Natur – auch öffentlich zugänglich und mit Bänken ausgestattet – will die Stadt rasieren, um es anschließend zu renaturieren?
Thomas Becker, der Vorsitzende des Kleingartenvereins Prießnitzaue, sagt: „Unsere Anlage trägt spürbar positiv zum Mikroklima in der Neustadt bei.“ Angesichts der geplanten Veränderungen fürchtet er um die biologische Vielfalt und dass die Fläche für lange Zeit nicht mehr ihre Wirkung als Feuchtigkeitsspender und Temperaturpuffer entfalten kann. Dass die Stadt statt einer Sanierung im Bestand eine Umlenkung des Flusslaufs bevorzugt, die starke Eingriffe in den Grünraum mit sich bringe, sei „für uns als Verein bis zum heutigen Tag nicht nachvollziehbar“, so Becker.
Besuch vom BSW und Anfrage
Auf die Stellungnahme vom September hat der Verein keine Antwort bekommen. Die letzte Reaktion erfolgte noch im Mai 2025. Das Umweltamt teilte auf eine entsprechende Anfrage mit, das Vorhaben „Sanierung Prallbogen und Umverlegung der Prießnitz zwischen Hohnsteiner und Bautzner Straße“ befinde sich seit 2019 im Planfeststellungsverfahren. Zum weiteren zeitlichen Ablauf des Verfahrens könne man keine Aussage treffen, werde sich aber melden, sobald konkrete Informationen vorlägen. Seitdem haben die Kleingärtner nichts mehr aus dem Rathaus gehört.
Bei einem Ortstermin hat sich BSW-Stadtrat Maurice Devantier, der auch dem Umweltausschuss angehört, jetzt mit Vertretern des Kleingartenvereins getroffen und sich die Lage schildern lassen. Danach konnte er nur den Kopf schütteln: „Schwer zu glauben, dass ein Umweltamt unter anderem das Fällen von 156 Bäumen als bevorzugte Variante bezeichnet. Aber es steht ja wirklich so in den Unterlagen.“
Da die Ungewissheit, was aus der Anlage wird, nun schon über ein Jahrzehnt dauert, verlangt das BSW von der Stadt zunächst einmal Auskunft und hat eine schriftliche Anfrage zum Stand der Planungen gestellt. Das Umweltamt ist verpflichtet, darauf innerhalb von vier Wochen zu antworten.







