Gedenkort auf Altem Leipziger Bahnhof rückt näher
Die Stimmen des BSW haben es möglich gemacht: Der Stadtrat hat mit denkbar knapper Mehrheit von 36:35 beschlossen, das Projekt einer Gedenk- und Begegnungsstätte auf dem Alten Leipziger Bahnhof voranzutreiben – eine Richtungsentscheidung gegen den Widerstand von CDU, AfD und Team Zastrow.
Bei der Anzahl von Graffiti pro Quadratmeter dürfte das Gelände des Alten Leipziger Bahnhofs führend in Dresden sein, aber ansonsten macht es eher einen Eindruck zum Vergessen. Genau das – Vergessen – wäre jedoch fatal, nicht nur aus industriehistorischer Sicht. Dresdens erster Bahnhof war in der Zeit des Nationalsozialismus Ausgangspunkt oder Zwischenstation bei der Deportation vieler Hundert jüdischer Frauen, Männer und Kinder, speziell in den Jahren 1942 und 1943. In Güterwaggons wurden sie ins Ghetto von Riga oder direkt ins KZ gekarrt. Nur wenige überlebten.
Historisches Gebäude im Zentrum der Überlegungen
Stummer Zeuge dieser Ereignisse war das 1857 errichtete ehemalige Empfangsgebäude des Bahnhofs, das heute zwar verfallen, aber immerhin als Ruine erhalten ist. Es soll die Erinnerung an dieses düstere Stück Dresdner Geschichte wachhalten, entschied der Stadtrat im März 2023. Da lag bereits eine Machbarkeitsstudie zur Sanierung des denkmalgeschützten Baus an der Eisenbahnstraße vor. Im Februar 2024 schrieb das Amt für Kultur und Denkmalschutz die Erstellung eines Nutzungs- und Betreibungskonzepts aus, den Zuschlag bekam der Förderkreis Gedenk-, Begegnungs- und Lernort Alter Leipziger Bahnhof. Seine Konzeption liegt der Stadt seit März 2025 vor.
Ob die Arbeit jedoch weitergehen kann und mit der nötigen Finanzierung unterfüttert wird, hing zuletzt am seidenen Faden. Unter Verweis auf finanzielle Aspekte und auf Globus als Eigentümer des Grundstücks stellte sich speziell die CDU quer, was dazu führte, dass im vergangenen Jahr Fördermittel in Höhe von 100.000 Euro verfielen. Hätte sich das Szenario für das laufende Jahr wiederholt, wäre die Zukunft des Projekts akut gefährdet gewesen. Doch der Stadtrat entschied nach langer Debatte, die auch eine Aktuelle Stunde zum Thema beinhaltete, es mit zunächst 75.000 Euro zu unterstützen, die nach einer Prüfung im Herbst auf 100.000 Euro anwachsen können. Perspektivisch sollen auch Fördergelder von Land und Bund eingeworben werden. Die kontrovers diskutierten Punkte eines interfraktionellen Antrags von SPD, Grünen und FDP/FB wurden mit 36:35 Stimmen gebilligt. Diese Mehrheit kam nur durch das Votum des BSW zustande.
Das sagten unsere Stadträte in ihren Reden (auszugsweise).
Ralf Böhme: „Klares Bekenntnis zum Gedenkort“
„Heute dreht sich die Debatte um ein Projekt, was einen der authentischsten Orte von Verfolgung und Ermordung Dresdner Juden bewahren und zu neuer Geltung bringen kann. Ein Projekt, was die Erinnerung daran fortschreiben kann, was den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern von den Nazischergen, aber eben auch von Teilen der Dresdner Bürgerschaft angetan wurde. Unserer Verantwortung für das Erinnern und das Mahnen gerecht zu werden, ist und bleibt essentielle Aufgabe der Stadtgesellschaft und insbesondere des Dresdner Stadtrats. Es ist unverantwortlich und instinktlos, dass einige Fraktionen im Stadtrat durch ewige Vertagungsrituale daran Zweifel säen. Noch dazu just in den Tagen des Gedenkens an den Holocaust.
Und dieses Empfinden beschleicht einen besonders, wenn man – wie während der Gedenkstunde vorgestern im sächsischen Landtag – in das Angesicht von Renate Aris blickt, eine der mittlerweile wenigen Zeitzeugen und selbst Opfer der damaligen Repressionen. Es gebührt vielen verschiedenen Akteuren Respekt, dass sie erkannt haben, welche Bedeutung der Alte Leipziger Bahnhof für das Gedenken haben kann. Und die das Projekt bis zum heutigen Stand vorangetrieben haben.
Für das BSW ist es keine Option, die Kontinuität dieser Mahn-, Gedenk- und Begegnungsstätte zu gefährden. In Zukunft wird sich noch Raum ergeben, das Konzept dieses Vereins aus Kosten- und inhaltlicher Sicht kritisch zu betrachten. Heute steht es für uns außer Frage, ein klares Bekenntnis zum Gedenkort Alter Leipziger Bahnhof abzugeben und die Zuwendung an den Förderverein zu ermöglichen.“
Dominik Hecker: „Für eine schnelle praktische Umsetzung“
„Ich war als Schüler im Alter von 14 Jahren mit meiner Klasse in der Gedenkstätte des KZ Buchenwald. Was wir dort gehört, gesehen und gefühlt haben, war sehr erschreckend und doch ein prägender Baustein in meinem Geschichtsbewusstsein. Jungen Menschen muss so ein authentischer Ort mit Begleitung und Orientierung zur Verfügung stehen. Der Holocaust ist eine Zäsur in der Geschichte und er sollte in unserem Erinnern einen sehr hohen Stellenwert bekommen.
Diesen Erinnerungsort auf Eis zu legen, hätte schwerwiegende Folgen für den Verein und die Mitglieder. Eben weil hauptsächlich vieles ehrenamtlich ist, ist die Frustration groß, wenn sich Dresden nicht klar zu diesem Projekt bekennt. Bildungsarbeit, die sich für Seminare und Führungen von Schulklassen und Erwachsenenbildung stark macht; die Pflege von Netzwerkarbeit, die Zeitzeugen und Unterstützer einbindet und die systematische Massenvernichtung von Juden auch wissenschaftlich aufarbeitet – all diese Aufgaben sind in Gefahr.
Wir vom BSW sprechen uns klar für die schnelle praktische Umsetzung dieser Aufgaben aus. Wir stehen für die Weiterentwicklung dieses ausgereiften Konzepts. Das Hinauszögern oder Aussetzen des Projekts sehen wir mit Sorge. Abwarten und Blockieren behindern die inhaltliche Aufarbeitung und verschlechtern die materiellen Rahmenbedingungen für das Projekt. Wir diskutieren schon bald über den neuen Doppelhaushalt, und die Frage ist, ob wir uns eine Hängepartie erlauben können, die dem Gedenken hier in Dresden überhaupt nicht hilft.“
Bahnhof 2005 stillgelegt
Der Leipziger Bahnhof wurde 1839 als Teil der ersten deutschen Bahnfernstrecke zwischen Dresden und Leipzig eröffnet. Den Personenverkehr übernahm Anfang des 20. Jahrhunderts der ganz in der Nähe gelegene neue Bahnhof Dresden-Neustadt, dessen Vorgänger – der Schlesische Bahnhof – nicht mehr zeitgemäß gewesen war (so wie auch der Böhmische Bahnhof vom Hauptbahnhof abgelöst wurde). Der Leipziger Bahnhof bestand jedoch als Güterbahnhof Dresden-Neustadt weiter, wurde zu DDR-Zeiten sogar ausgebaut und erst 2005 endgültig geschlossen.
Was aus der weitläufigen Anlage in relativ zentraler Lage werden soll, wird seitdem diskutiert – mit Irrungen und Wirrungen. So stimmte der damalige Stadtrat 2014 dem Vorhaben der Einzelhandelskette Globus zu, dort einen SB Markt anzusiedeln. Globus kaufte die benötigte Fläche, doch die Kritik aus der Gesellschaft wie auch der Wirtschaft wollte nicht verstummen.
Wohngebiet statt Globus-Markt
Dass aus den Plänen noch etwas wird, ist seit langem unwahrscheinlich. Die Stadt veranstaltete in den zurückliegenden Jahren sogar einen Architektenwettbewerb, das frühere Bahnhofsareal soll sich demnach in ein „grünes, kleinteiliges Stadtquartier mit hoher Aufenthaltsqualität“ verwandeln. Der Siegerentwurf wurde im Mai 2024 gekürt.
Doch so lange keine Einigung mit Globus erzielt wird, kann auch nicht gebaut werden. Und die Verhandlungen über einen Flächentausch ziehen sich hin. Der Mehrheitsentscheidung im Stadtrat ist es zu verdanken, dass damit zumindest die weitere Ausgestaltung des Konzepts für eine Gedenk- und Begegnungsstätte auf dem Alten Leipziger Bahnhof nicht länger blockiert wird.









