Woran krankt der deutsche Sport, Frau Bielig?
20. Dezember 2025

Schlagabtausch um das Sowjetische Ehrenmal

Das Sowjetische Ehrenmal auf dem Olbrichtplatz: Der Obelisk wird von einer Figurengruppe aus zwei Soldaten mit Waffen und Fahne gekrönt.

Das Sowjetische Ehrenmal in Dresden polarisiert. Ihm selbst ist das aber nicht anzulasten. Seit 80 Jahren steht es für das Gedenken an die Gefallenen der 5. Gardearmee, die im Zweiten Weltkrieg bis nach Deutschland vordrang und nicht zuletzt Dresden befreite. Was es nach Meinung von Kritikern sonst noch impliziert oder wodurch es im Lichte der neueren Geschichte flankiert werden müsste, ist Ansichtssache und Gegenstand von teils heftigen Kontroversen. Bei einem Podiumsgespräch des Vereins Denk Mal Fort schlugen die Wellen kürzlich wieder einmal hoch. Wobei ein aktuelles Meinungsbarometer des MDR nahelegt, dass ein Handlungsbedarf in Bezug auf dieses oder andere sowjetische Denkmäler nur nach Auffassung einer relativ kleinen Minderheit besteht.

Ob es noch Dresdnerinnen und Dresdner gibt, die bei der Einweihung des Sowjetischen Ehrenmals am 25. November 1945 zugegen waren? Errichtet wurde es damals auf dem Platz der Roten Armee, später in Platz der Einheit umbenannt. Heute heißt er wieder Albertplatz. An diesem Standort hat das Ehrenmal die Sowjetunion und die DDR überlebt, bis es 1994 – mit Zustimmung Russlands als Rechtsnachfolger der Sowjetunion – knapp zwei Kilometer die Königsbrücker hinauf bis zum Olbrichtplatz versetzt wurde, in die unmittelbare Nähe des Militärhistorischen Museums.

Wenn es nach Maxim Andreev geht, kann es dort aber nicht bleiben. Der Russe, 1988 in Moskau geboren, ist Ingenieur und lebt seit zehn Jahren in Dresden. Sein Urgroßvater war sowjetischer General und Teilnehmer an der Schlacht um Berlin. Für Andreev erzählt das Sowjetische Ehrenmal nur die halbe Wahrheit: „Die Rote Armee hat Deutschland befreit, das ist eine Tatsache. Aber sie hat den Deutschen keine Freiheit gebracht.“ Die Sowjetsoldaten würden als Befreier dargestellt, dabei seien sie auch Besatzer gewesen, was sich am deutlichsten 1953 bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste in der DDR gezeigt habe.

Das kann man so sehen, nur – es ist gar nicht der Punkt. Ein Denkmal gehört im Kontext seiner Zeit betrachtet, nicht unter dem Blickwinkel aller möglichen späteren Ereignisse und daraus abgeleiteten Forderungen, sie nachträglich mitzudenken. Es gab 1945 gute Gründe, den Opfern unter den Soldaten der 5. Gardearmee dankbar zu sein, die deutsche Kriegsmaschinerie im Osten erst gestoppt und dann besiegt zu haben. Und daran hat sich auch 80 Jahre danach nichts geändert. Wobei das Dresdner Ehrenmal auf die Befreiung Deutschlands genau genommen gar keinen Bezug nimmt. Die Inschrift lautet nämlich: „Ewiger Ruhm den Kämpfern der Roten Armee, die in den Kämpfen gegen die deutschen faschistischen Eroberer für die Freiheit und Unabhängigkeit der sowjetischen Heimat gefallen sind.“

Seine Ansichten äußerte Maxim Andreev bei einer Podiumsdiskussion, die Anfang Dezember in der Gedenkstätte Bautzner Straße stattfand. Thema war der heutige Umgang mit dem Sowjetischen Ehrenmal. Unter der Überschrift „Politische Zumutung oder historischer Lernort?“ hatte dazu der Verein Denk Mal Fort e.V. eingeladen. Dessen Vorsitzender Holger Hase beklagte zu Beginn eine „bisher fehlende Auseinandersetzung mit der Besatzungsherrschaft und problematischen sowjetischen Heldennarrativen“. Das Ehrenmal, so Hase, habe keinen Eingang in die hiesige Erinnerungskultur gefunden. Stattdessen sei es der „radikalen Linken“ überlassen worden, deren „schrille Aufmärsche“ hätten dann noch die „letzten Wohlmeinenden verschreckt“.

Der Historiker und Publizist Justus Ulbricht, Vorstandsmitglied des Vereins und Moderator der Veranstaltung, formulierte als Ziel der Diskussion einen „respektvollen Dissens“. Aber auf dem Podium herrschte überwiegend Konsens. Wenn Maxim Andreev das Ehrenmal am liebsten auf den Sowjetischen Garnisonfriedhof in der Dresdner Heide schaffen und damit aus dem öffentlichen Raum verbannen würde, sprach sich Natalija Bock für ein Museum als geeignetsten Standort aus. Nur so könne man der „Vereinnahmung“ und „Instrumentalisierung“ des Denkmals durch Russland entgehen und „Geschichte richtig erklären“, sagte die Ukrainerin, Vorsitzende des Integrations- und Ausländerbeirats des Dresdner Stadtrats und seit Kurzem Diskriminierungsbeauftragte an Sachsens Schulen. Auch Ulbricht betonte mehrfach, man wolle das Denkmal „zum Sprechen bringen“, denn „von selbst spricht es nicht“.

Das Podium: Andreev, Nagel, Bock (von links nach rechts) ...

Jens Nagel, Leiter der Gedenkstätte Ehrenhain Zeithain und dritter Podiumsgast, war hier ausnahmsweise kategorisch. Laut über einen neuerlichen Standortwechsel für das Ehrenmal nachzudenken, gehe in die „völlig falsche Richtung“. Über das Schicksal der denkmalgeschützten Anlage entscheide das Auswärtige Amt, und zwar auf Grund des deutsch-russischen Nachbarschaftsvertrags von 1990. Darin verpflichtete sich die deutsche Seite zu Erhalt und Pflege sowjetischer Kriegsdenkmäler und Kriegsgräberstätten. Ein Abriss oder Abbau nach eigenem Gutdünken sei ausgeschlossen: „Diese Diskussion können wir uns schenken.“

Alles in allem klangen Nagel, Ulbricht und vor allem Andreev und Bock aber sehr ähnlich. Bei der einen Hälfte des Publikums kam das gut an, bei der anderen stieß es auf scharfen Widerspruch. Als Wolfgang Schälike, Vorsitzender des Deutsch-Russischen Kulturinstituts, endlich in ein Mikrofon sprechen durfte, da fragte er die Veranstalter: „Wie konnte es passieren, dass im Podium nur Gleichgesinnte sitzen und keine Andersdenkenden?“ Man kennt sich zwar und duzt sich teilweise sogar, aber zum Sowjetischen Ehrenmal könnten die Meinungen wohl kaum unterschiedlicher sein. Und wie respektvoll dieser Dissens ist, scheint nach dem Schlagabtausch auf dieser Veranstaltung zumindest fraglich. Moderator Ulbricht rief die Anwesenden dazu auf, sich doch mal bei einem Glas Bier in der Kneipe zusammenzusetzen. Gegensätzliche Positionen im Rahmen des Podiumsgesprächs zu verhandeln, klappte nur sehr bedingt. Dafür war das Podium dann doch zu einseitig besetzt.

Wie Kontroversen ausgetragen wurden, hörte sich dann oft so an: Aus dem Publikum rief jemand Natalija Bock zu, es sei „unfassbar, was Sie da sagen“. Bock antwortete: „Unfassbar ist Ihr Verhalten.“

Ein häufiger Vorwurf von der einen Seite lautet, dass jener Teil der russischsprachigen Community, der am 8. und 9. Mai vor dem Ehrenmal und auf dem Garnisonfriedhof ansteht, um dort Blumen niederzulegen, zwar in Deutschland lebt, aber einer fremden Erinnerungskultur verhaftet und ergo mangelhaft integriert ist. Schälike konterte bissig, indem er sich an Andreev wandte: „Maxim, Sie schlagen die Verlegung des Denkmals vor, obwohl es denkmalgeschützt ist. Scheinbar sind Sie in Deutschland noch nicht richtig integriert.“

Interessierter Zuhörer bei der Veranstaltung war auch Andreas Uhlig, Vorsitzender des BSW-Stadtverbands. Er findet es nicht hilfreich, das Sowjetische Ehrenmal in Verantwortung zu nehmen für heutige Vorgänge. „Wo kommen wir denn hin, wenn wir je nach der Stimmung in der jeweiligen Zeit alles uminterpretieren? Was einem an der gegenwärtigen Politik – speziell der von Russland – nicht passt, wird jetzt auf dieses Denkmal projiziert. Das geht mir zu weit. Wenn man solche Schleusen öffnet, dann ist das ein Eingriff in die Geschichte, tut mir leid. Da fehlt mir die Souveränität im Umgang damit. Man sollte einfach mal einen Gang runterschalten.“

Es spricht einiges dafür, dass die Menschen im Sendegebiet des MDR das mehrheitlich genauso sehen. Mitte Dezember veröffentlichte der Sender die Ergebnisse einer Umfrage, bei der 18.000 Stimmen abgegeben wurden. Repräsentativ ist das Online-Format „MDRfragt“ zwar nicht, liefert aber ein Meinungsbild, das der Wahrheit ziemlich nahekommen dürfte. Demnach erteilen fast drei Viertel jeglicher „Bilderstürmerei“ (Dawo) eine Absage: 74 Prozent der Teilnehmer befürworten nämlich den Erhalt sowjetischer Ehrenmale in Deutschland. Die Zustimmung ist dabei umso größer, je älter die Respondenten sind, und reicht von 60 Prozent in der jüngsten Altersgruppe (16 bis 29 Jahre) bis 79 Prozent in der ältesten (65+ Jahre).

Ehrenmale entfernen würden nur neun Prozent. Umgestalten (4%), in ein Museum umwandeln (6%) oder mit einer Einordnung versehen (26%) waren weitere Minderheitenpositionen. Dagegen unterstützen 51 Prozent einen unveränderten Erhalt.

In Dresden hatte der Stadtrat im November 2023 die Sanierung und Kontextualisierung des Ehrenmals beschlossen. Nach Angaben der Stadt flossen 125.500 Euro in die Restaurierungsarbeiten, die im April dieses Jahres beendet waren. Weitere 25.000 Euro kostete demnach die Aufstellung einer viersprachigen Infotafel am Zugang zu dem Denkmal.