Woran krankt der deutsche Sport, Frau Bielig?
Deutschlands Olympioniken schneiden immer schlechter ab. Liegt es am Geld, an den Trainern, an den Sportlern, gar am Sportunterricht? Darüber haben wir mit Brigitte Bielig (68) gesprochen, die über Jahrzehnte am Ruder-Bundesstützpunkt in Dresden tätig war und zuletzt die Nationalmannschaft trainiert hat. Mehr Erfahrung vom Nachwuchs bis zum A-Kader geht nicht. Das Interview fand im Anschluss an ein Gespräch zu regionalen und überregionalen Sportfragen statt, das BSW-Fraktionschef Ralf Böhme, der auch sportpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion ist, mit Brigitte Bielig im Bootshaus Cotta führte.
Frau Bielig, was ist eigentlich so toll am Rudern?
Oh, wo soll ich da anfangen? Rudern ist eine der gesündesten Sportarten und kann bis ins hohe Alter betrieben werden. Manche steigen mit 85 noch ins Boot und rudern ihre zehn Kilometer in der Woche. Das Schöne ist auch, dass man praktisch bei jeder Witterung – von Sommerhitze bis zu ein paar Grad unter Null im Winter – draußen ist und hautnah miterlebt, wie sich die Natur mit den Jahreszeiten verändert. Zumal man ja auch nicht immer nur in ein und denselben Wasserrevieren unterwegs ist. Das genießt man als Sportler oder auch als Trainer, dass man da Abwechslung hat. Und dann das Gefühl, wenn man übers Wasser gleitet – irre. Beim Rudern wird der gesamte Körper beansprucht: Arme, Beine, Rumpf, Schulter. Eine vielseitige Ausbildung ist da sehr hilfreich. Ich musste zum Beispiel früher Fußball spielen, das habe ich auch gern gemacht. Schwimmen gehört sowieso zu den Grundlagen, aber auch Skilanglauf kann man nur empfehlen. Und wie gesagt alle möglichen Spielsportarten, weil die von Koordination und Teamgeist leben. Wer gut in Spielsportarten ist, der hat auch das Zeug, ein guter Ruderer zu werden, ist meine Theorie.
Jetzt haben Sie es schon angesprochen: Ihr größten Erfolge hatten Sie zwar als Trainerin, haben aber ja auch selbst in Ihrer Jugend die DDR-Ruderschule durchlaufen. Sind Sie durch das berühmte Sichtungssystem zum Rudern gekommen?
Nein, durch meinen Sportlehrer in der Schule. Der hat uns in der ersten Klasse der Größe nach antreten lassen. Meine Freundin und ich, wir waren die Größten bei den Mädchen. Da hat der Sportlehrer, der auch Übungsleiter beim Rudern war, zu uns gesagt: Wenn ihr in der vierten Klasse seid, dann meldet ihr euch beim Rudern an. Und wir sind wirklich am 1. September, am ersten Schultag der vierten Klasse, zur BSG Einheit bei uns in Brandenburg an der Havel gerannt. Da ist man dann in so eine Gemeinschaft gekommen, das fanden wir toll. Wir waren jeden Tag im Bootshaus, auch wenn wir gar kein Training hatten. Dann haben wir eben Tischtennis gespielt.
1973 sind Sie mit 15 Jahren zum SC DHfK nach Leipzig gewechselt, galten also als hoffnungsvoller Kader. Doch zum Sprung ganz nach oben hat es nicht gereicht. Wann ist Ihnen das klar geworden?
Als ich schwanger wurde. In der DDR war man ja oft in relativ jungen Jahren schon sehr erfolgreich. Mit 20, 21 holte man im Rudern seinen ersten Weltmeister-Titel. Bei mir fiel genau in diese Zeit die Schwangerschaft mit unserer Tochter. Ob ich es sonst in den Elite-Bereich geschafft hätte, weiß ich nicht. Aber so hatte ich zum Glück eine verständnisvolle Trainerin. Ich sollte nach der Geburt in Dresden wieder anfangen, hieß es. Aber das war alles schwierig zu organisieren und ich habe es dann nicht besonders ernsthaft verfolgt. Ich wollte viel lieber studieren. Mein Ziel war immer, Trainerin zu werden.
Sie haben dann bis Ende 2024 über vier Jahrzehnte als Trainerin gearbeitet, die letzten drei Jahre davon sogar als Cheftrainerin des Deutschen Ruderverbands. Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz?
Auf den Neubeginn in Dresden nach der Wende. Das war wirklich eine 60-Stunden-Woche, wie wir damals angefangen haben. Dass wir aus den Nachwuchssportlern, die geblieben waren, wieder Spitzenathleten entwickeln konnten, darauf kann man schon sehr stolz sein. Wir haben zwei Bootshäuser zusammengelegt und nur noch in Cotta weitergemacht. Wir haben die Ruderabteilung aus dem Großverein Dresdner Sportclub herausgelöst und den Dresdner Ruderclub wiedergegründet. Eine spannende Zeit, die wir ziemlich gut bewältigt haben.
Und Olympia? Sie haben drei Boote zu olympischem Silber geführt.
Na klar, Olympische Spiele sind Highlights. Daraus zieht man als Trainer auch sehr viel Motivation. Meine ersten Spiele waren 2000 in Sydney, die zweiten vier Jahre später in Athen. 2012 in London hat man mich nach meiner Tätigkeit als Bundestrainerin für die U23 und U19 in den A-Bereich zurückgeholt. Dann kam Ende 2021 die Cheftrainer-Position beim DRV und damit auch die Betreuung der deutschen Auswahl bei den Spielen von Paris 2024.
Paris hat neue Maßstäbe gesetzt, was die Kompaktheit der Spiele betrifft und die Austragung der Wettkämpfe im öffentlichen Raum. Wie haben Sie das erlebt?
Erstmal waren wir ein bisschen skeptisch, was uns dort erwarten würde. Es gab im Vorfeld durchaus Bedenken, ob in Paris alles rechtzeitig fertig wird. Wir waren ein Jahr vorher zu den Junioren-Weltmeisterschaften dort, da fehlte noch eine ganze Menge. Aber die Spiele selbst waren dann schon imponierend. Die Aufnahme durch die Bevölkerung, die Stimmung überall, die Sportstätten, die Atmosphäre im Olympischen Dorf, auch wenn das sehr spartanisch war – Olympia ist eben doch das Größte, da hält keine Weltmeisterschaft mit. Und ja, diese Kompaktheit hat mir schon gefallen. Deshalb fand ich auch die Finals in Dresden so toll, da war das ähnlich.
Sportlich fielen diese Olympischen Sommerspiele für Deutschland sehr durchwachsen aus. 33 Medaillen und Platz 10 in der Nationenwertung bedeuteten einen neuen Negativrekord. Sie fordern seit langem Reformen im deutschen Leistungssport.
Man muss sich ja nur mal die Medaillenstatistik anschauen. Bei den ersten Sommerspielen nach der Wiedervereinigung lagen wir bei 85 Medaillen und Platz 3 in der Nationenwertung. In Tokio waren es 2021 noch 37 Medaillen und Platz 9. Eine Ausbeute, die als Katastrophe eingeschätzt wurde. Wir müssen wieder erfolgreicher werden, war der Tenor. Nun sind wir in Paris noch weiter zurückgefallen.
Was muss sich ändern?
Vieles. Es liegt mit Sicherheit nicht nur am Geld. Natürlich kann jeder Geld gut gebrauchen. Aber was insgesamt für den Sport aufgewendet wird, ist schon nicht wenig. Nur müssen die Mittel eben auch effizient eingesetzt werden. Da versickert zu viel in bürokratischen Kanälen. Oder wenn man mal Dagmar Freitag nimmt (Anm.: SPD-Politikerin, von 2009 bis 2021 Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag), deren Lieblingsthema war immer Doping. Früher haben alle gedopt und wir kämpfen heute gegen Doping, so klang das. Dabei wird nirgendwo so intensiv getestet wie in Deutschland. Und wenn man sich anschaut, wer eigentlich des Dopings überführt wird, das sind selten Leistungssportler, und wenn, dann scheint meist zweifelhaft, dass sie wissentlich gedopt haben. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Sportler in der heutigen Zeit hier bei uns dopen wollen. Und dass Trainer das zulassen. In die Dopingbekämpfung fließt aber viel Geld.
Woran krankt es aus Ihrer Sicht noch?
Wir müssen wieder mehr Spitze fördern und weniger Breite. Das Gießkannenprinzip funktioniert nicht. Und eine absolute Schlüsselposition haben die Trainer inne, mit ihrer Ausbildung, ihrem Engagement und auch mit ihrer Bezahlung. Wenn man sich anschaut, was Trainer bei uns im Vergleich zum Ausland bekommen, das ist schlecht, einfach schlecht. Und es ist meiner Meinung nach zu wenig leistungsabhängig. Wir lassen da einiges liegen, würde ich sagen. Was das Studium betrifft, bin ich natürlich froh, dass es in Leipzig jetzt wieder eine akademische Ausbildung gibt. Aber wissen Sie, was ganz schön verrückt ist?
Sagen Sie es uns, bitte!
Es gibt gar kein Berufsbild Trainer. Im Spitzensport hat man immer Vier-Jahres-Verträge. Wenn die auslaufen, bekommt man einen Brief, man möge sich doch bitte beim Arbeitsamt melden. Ich habe mich immer geweigert, bei Strafe meines Untergangs. Aber was die Kollegen so erzählen, muss man sich dann fragen lassen: Was können Sie denn so? Und weil Trainer als Berufsbild nicht existiert, sind die relevanten Qualifikationen, ob man Auto fahren kann oder vielleicht in grauer Vorzeit mal Klempner gelernt hat. Entsprechend sind dann auch die Angebote, die man bekommt. Das ist schon abenteuerlich.
Sie haben wiederholt kritisiert, dass die heutigen Sportler zu viel Macht hätten. Was meinen Sie damit?
Die Athleten sollen natürlich im Fokus stehen, sie sollen einbezogen werden und ihre Meinung sagen können, man will ja mündige Sportler, die viel für sich selbst regeln. Aber sie müssen nicht alles mitbestimmen, das geht nicht. Als Trainer muss ich die Freiheit haben, einen Trainingsplan zu erstellen, der dann auch verbindlich ist und über den ich nicht noch diskutieren muss. Und da merkt man dann schon, dass die heutige Sportler-Generation anders ist. Auch generell im Verhältnis zum Leistungssport, dem man vieles unterordnen muss, um auf höchstem Niveau konkurrenzfähig zu sein. Wenn man alles auf einmal will, ohne irgendwo Abstriche zu machen – das funktioniert so nicht.
Worauf ich Sie zum Schluss noch ansprechen möchte: Sie beklagen, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland athletische Defizite aufweisen, die sich bis in den Leistungssport hinein auswirken. Würden Sie das erläutern?
Ja, wir haben tatsächlich festgestellt, dass Kinder und Jugendliche, die bei uns zum Rudern kommen, in athletischer Hinsicht vier Jahre hinter ihrem tatsächlichen Alter hinterher sind.
Wie erklären Sie sich das?
Kinder bewegen sich generell heute weniger als zum Beispiel meine Generation. Wir waren ja ständig draußen, sind über Felder und Wiesen gerannt, auf Bäume geklettert, waren auf zugefrorenen Gewässern und sind auf dem Eis auch mal eingebrochen. Heute besteht da ein echtes Defizit an Bewegung. Die Kinder sind viel behüteter. Die meisten gehen auch nicht mehr selbst zum Sportverein, sondern werden gebracht, aber das können einschließlich der Wettkämpfe am Wochenende nicht alle Eltern zeitlich bewerkstelligen. Von den anfallenden Kosten für Ausrüstung oder Hallenmiete ganz zu schweigen. Auch über den Sportunterricht gäbe es einiges zu sagen. Sport sollte so wichtig sein wie Mathe oder Deutsch. Deshalb begrüße ich die Diskussion um eine dritte Sportstunde in der Woche. Und selbst wenn die Kinder dann nur rennen oder spielen, aber zumindest bewegen sie sich.







