Zerstörtes Dresden: Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn
Die Zerstörung Dresdens im Februar 1945 war so maßlos, dass es naheliegt, von ihr in Größenordnungen zu sprechen. Vor dem 81. Jahrestag der Bombennacht gehen unsere Stadträte den umgekehrten Weg und richten den
Blick auf das Schicksal einzelner Orte und Gebäude, deren Verlust Leerstellen im Stadtbild hinterlassen hat. Damit wollen wir veranschaulichen, was Krieg bedeutet und dass er uns betrifft, auch wenn wir ihn gar nicht miterlebt haben.
Neustädter Markt
Der Neustädter Markt zwischen Augustusbrücke und Hauptstraße ist als Bezeichnung erhalten geblieben. Von der dichten Bebauung, die ihn einst umschloss, hat aber nur das Blockhaus überlebt. Und auch der „Goldene Reiter“ steht dort, wo er immer stand, nur mit einer viel befahrenen Bundesstraße im Rücken, die den einstigen Platz durchschneidet.
BSW-Stadtrat Maurice Devantier: „Neben dem Neumarkt war das wahrscheinlich der schönste Platz Dresdens. Aber seinen Platzcharakter hat er leider gänzlich verloren. Wenn man auf alte Fotos und Karten schaut, findet man sich nur mit Mühe zurecht, so sehr unterscheiden sich das damalige und das heutige Aussehen.“
Die Dominante an der Nordseite des Platzes war einst das Neustädter Rathaus. Stattdessen wird die Hauptstraße seit Ende der 1970er Jahre von Plattenbauten flankiert. Hatte der Boulevard damals immerhin noch ein einheitliches Gesicht, so ist das heute auch nicht mehr der Fall.
Sophienkirche
25 Kirchen fielen in einer einzigen Nacht den Bomben zum Opfer. Die evangelische Sophienkirche war die älteste davon. Der gotische Sakralbau neben dem Taschenbergpalais und gegenüber vom Zwinger brannte aus und stürzte teilweise ein. Statt eines Wiederaufbaus wurde die Ruine 1962-63 abgerissen und dort die Großgaststätte „Am Zwinger“ errichtet.
BSW-Stadträtin Berit Schönfeld: „Im Grunde wurde die Sophienkirche zweimal zerstört.
Einmal im Krieg und ein zweites Mal durch den vorgegebenen Atheismus. Die Rolle der Kirche in Bevölkerung sollte zurückgedrängt werden. Christen hatten oft Nachteile im Beruf oder beim Studium. Selbst im Chor durften nur Pioniere singen, zumindest in meiner Schule.“
Dort, wo die Sophienkirche über Jahrhunderte an der Sophienstraße und nahe des Postplatzes stand, wurde in jüngerer Vergangenheit der „DenkRaum Sophienkirche“ errichtet. Zwischen Bürogebäuden laden stilisierte Säulen und ein Nachbau der ehemaligen Busmannkapelle mit authentischen Fragmenten unter Glas zum Innehalten ein.
Alberttheater
Im Konkurrenzkampf zwischen Neu- und Altstadt konnte erstere am 20. September 1873 mindestens einen Achtungserfolg verbuchen: An jenem Samstag wurde nämlich mit Glanz und Gloria das Alberttheater eröffnet. Albert von Sachsen, damals noch Kronprinz, gut einen Monat später König, war selbst anwesend, als Goethes „Iphigenie auf Tauris“ gespielt wurde. 40 Jahre firmierte das Alberttheater als Königliches Schauspielhaus, danach machte man selbstständig weiter – ambitioniert, erfinderisch und ewig in finanziellen Nöten.
Auf dem Spielplan standen Hauptmann und Gorki, Ibsen und Strindberg. 1929 feierte Brechts „Dreigroschenoper“ hier seine Dresdner Premiere. Unter den Nazis wurde das Theater an die Kandare gelegt. 1944 musste es schließen und wurde ein halbes Jahr später bei den Luftangriffen so schwer beschädigt, dass es nie wieder Vorstellungen gab. Der Standort am Albertplatz zwischen Villa Eschebach und Bautzner Straße ist heute eine Grünfläche.
BSW-Stadtrat Dominik Hecker: „Das Alberttheater ist ein Beispiel dafür, welche Folgen die Zerstörungen in Dresden auch für die Kulturlandschaft hatten und was Krieg anrichtet.“
Palais Oppenheim
Das Palais Oppenheim ist schon lange vom Erdboden verschwunden, aber vergessen ist es nicht. In der Diskussion um einen möglichen Standort für ein mögliches jüdisches Museum wurde sein Name in den letzten Jahren immer wieder genannt. Auch BSW-Fraktionschef Ralf Böhme spricht von einem „Zentrum der reichen sächsisch-jüdischen Kultur“.
Den Bau im Stil der Neorenaissance hatte Gottfried Semper von 1845 bis 1848 als Stadtwohnsitz für seinen Förderer, den Bankier Martin Wilhelm Oppenheim entworfen, nachdem dieser von Königsberg über Berlin nach Dresden gezogen war.
Das Haus am Rande der Bürgerwiese wurde schnell zu einer bekannten Adresse, wo namhafte Vertreter des gesellschaftlichen Lebens verkehrten. Mit Alexander von Humboldt und Michail Bakunin seien hier nur zwei genannt.
Der Krieg hinterließ auch in diesem Viertel ein Trümmerfeld. 1951 wurden die Überreste des Palais Oppenheim gesprengt, später baute Robotron auf dem Areal sein Fabrikgelände. Auch das ist größtenteils schon wieder Geschichte, auf dem Grundstück soll mit der „Lingnerstadt“ ein Wohngebiet entstehen. Die Idee, in diesem Kontext auch dem Palais Oppenheim zu einer zweiten Geburt zu verhelfen, hat viele Fürsprecher. Aber dass sich diese Stimmen durchsetzen, scheint gegenwärtig eher fraglich.












