Herzenssache Ehrenamt: Zum Beispiel Herr Ebert
Mit etwas mehr Ehrgeiz wäre aus Christian Ebert vielleicht ein Fußballprofi geworden. „Aber dafür habe ich viel zu gern gegessen“, lacht der 62-Jährige. Er hat stattdessen Zimmermann gelernt und sich als Kleinunternehmer in der Baubranche selbstständig gemacht. Doch der Fußball begleitet ihn schon sein ganzes Leben. Als sportlicher Leiter bei Achtligist Rotation Dresden ist Ebert heute einer von Tausenden Ehrenamtlichen, die aus dem Sport nicht wegzudenken sind.
Herr Ebert, am 18. Dezember veranstaltet die Stadtratsfraktion des BSW im Heinz-Steyer-Stadion ein Podiumsgespräch zum Thema „Sportvereine am Limit“. Auch Ihr Präsident Frank Reichelt wird an der Talkrunde teilnehmen. Es geht unter anderem um das Ehrenamt, das in den Vereinen eine überragende Rolle spielt, und die Herausforderungen dafür unter den aktuellen Vorzeichen. Wie muss man sich Ihre ehrenamtliche Arbeit vorstellen?
Ich bin Ansprechpartner für die Trainer und Spieler bei jeder Art von Wehwehchen, kümmere mich um die Kommunikation unter unseren drei Männermannschaften. Neben dem Training der ersten Mannschaft schaue ich mir am Wochenende alle Spiele im Männerbereich an. Bis unsere „Erste“ letzte Saison nach sieben Jahren aus der Landesklasse abgestiegen ist, kamen da bei Auswärtsspielen gern mal mehrere hundert Kilometer zusammen. Pro Woche sind dem Fußball bei mir ungefähr 20 Stunden gewidmet, würde ich sagen. Und damit bin ich bei uns nur einer von fünf, sechs Leuten, die immer da sind und dafür sorgen, dass der Laden läuft.
Nehmen Sie uns doch mal mit zu einem Spieltag. Wie läuft der für Sie ab?
Zu dieser Jahreszeit sind sowohl unser Rasen- als auch der Hartplatz unbespielbar. Wir müssen also unsere Heimspiele anderswo in der Stadt austragen. Das geht dann auf unserem Vereinsgelände mit Kaffeekochen um sieben Uhr morgens los. Dann packen wir Tische und Bänke in meinen Kleintransporter und auch noch zwei Kästen Bier, damit die Zuschauer zufrieden sind. Um elf wird gespielt, so gegen 15 oder 16 Uhr ist auch das ganze Drumherum erledigt.
Was hat es mit den Tischen und Bänken auf sich?
Die werden für den Einlass gebraucht.
Die erste Mannschaft von Rotation spielt jetzt in der Kreisoberliga. Was kostet bei Ihnen der Eintritt?
Vier Euro für Erwachsene, 2,50 Euro ermäßigt. Kinder bis 14 Jahre zahlen nichts. Die sollen vorbeikommen und Lust kriegen, Fußball zu spielen.
Apropos Nachwuchs: Wie ist es um den bei Rotation bestellt?
Gerade in den untersten Altersklassen ist der Zulauf groß. Wir haben jetzt vier F-Jugend-Mannschaften, früher waren es zwei. An einem durchschnittlichen Trainingstag hat jede Gruppe ein Viertel des Großfeldes zur Verfügung, teilweise ist auch noch das Halbrund hinter den Toren belegt. Da sieht man vor lauter Kindern den Rasen nicht mehr. Aber ich habe dieses Gewusel, wenn den Kleinsten die Hosen bis zu den Knöcheln reichen, unwahrscheinlich gern. Der Nachwuchs liegt uns allen sehr am Herzen.
Jetzt geht wieder die Zeit der Hallenturniere los. Da sind wir früh die ersten in der Halle und machen abends nach dem letzten Spiel sauber. An einem Wochenende kommen schon mal 30 Stunden zusammen, die man dort verbringt. Die Vatis assistieren den Trainern, die Muttis backen Kuchen. Alle haben Spaß. Denn darum geht es. Wer an ehrenamtlichem Engagement keinen Spaß hat, der sollte es lieber lassen.
Was sagt eigentlich Ihre Frau dazu, wenn Sie ganze Wochenenden nicht zu Hause sind?
Die macht doch selbst bei den Kinderturnieren mit. Und sie weiß, dass sie vor über 40 Jahren nicht nur mich, sondern auch den Fußball geheiratet hat. Da kommt nie ein böses Wort.
Auch Sie haben früher für Rotation gespielt?
Ich habe hier 1970 angefangen, da war ich noch nicht mal sieben Jahre alt. Vom Torwart bis zum Stürmer habe ich in meiner Laufbahn buchstäblich alle Positionen gespielt und es bei Chemie Radebeul immerhin bis zur Bezirksliga gebracht, der dritthöchsten Spielklasse in der DDR. Aber für ganz oben hat es nicht gereicht. Für mich stand immer der Spaß im Vordergrund, auch wenn ich verloren habe. Warum sich andere nach Niederlagen zerfleischt haben, habe ich nie verstanden. Das war mir zu anstrengend. Aber ein Leben ohne Fußball konnte ich mir nie vorstellen. Und dabei ist es geblieben.
Stehen Sie noch selbst auf dem Platz?
Bis vor zwei Jahren habe ich bei den Alten Herren gespielt. Dann musste ich aufhören, weil bei mir Hautkrebs diagnostiziert wurde. Eine Dachdeckerkrankheit. Aber alles halb so wild. Die Ärzte schneiden immer mal ein Stück von mir raus. Und dann geht es wieder weiter.
Wir wünschen Ihnen auf jeden Fall viel Gesundheit. Was für Ambitionen lässt bei Rotation eigentlich die finanzielle Ausstattung zu?
Wir wollen mit unserer „Ersten“ über kurz oder lang wieder hoch in die Landesklasse. Aber Geld für die Spieler gab es nicht, gibt es nicht und wird es auch nicht geben. Wir sind ein Mehrspartenverein mit 14 Sportarten, da kann das Geld nie eine Motivation sein. Ich bekomme 50 Euro im Monat vom Verein, der diese Aufwandsentschädigung aus den Mitgliedsbeiträgen finanziert. Natürlich macht keiner die Arbeit des Geldes wegen. Das kann nur von Herzen kommen. Und wenn einem Steine in den Weg gelegt werden, dann muss man die eben rollen.
Ohne Ehrenamtler wären große Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aufgeschmissen. Würde Sie sagen, dass dieser Beitrag ausreichend anerkannt wird?
Nein, das wird ganz schön vernachlässigt. Ehrenamt – das ist ja nicht nur Sport. Ich kenne viele Leute aus der Kultur, die wirklich Tag und Nacht unterwegs sind. Jeder nimmt gern Ehrenamtliche. Aber das den Leuten gegenüber zu würdigen, daran fehlt es ein bisschen. Das tut mir manchmal auch weh, muss ich sagen.
https://bsw-vg-dresden.de/welche-wunder-haushaltsgelder-im-sport-bewirken-koennen/






