Die Gründe für unser Nein zum Nachtragshaushalt

26. Juni 2026

Weder „begeistert“ noch „stolz“: Böhme korrigiert Merz

Tolle Bühne, mieses Schauspiel: Im Stadion von Foxborough bei Boston, normalerweise Heimspielstätte der New England Patriots (Football) und der New England Revolution (Fußball), endete für die deutsche Nationalmannschaft gegen Paraguay das Kapitel WM. (Foto: Screenshot YouTube/sportstudio fußball)

Wenn es bei der Fußball-WM 2026 ab dem kommenden Wochenende so richtig zur Sache geht, ist die deutsche Nationalmannschaft nur noch Zuschauer. Nach 2018 und 2022 qualifizierte sie sich zum dritten Mal in Folge nicht für das Achtelfinale. Der viermalige Weltmeister scheiterte in der Runde der letzten 32 gegen Außenseiter Paraguay. Als wäre dieses Komplettversagen nicht schon schlimm genug, stiftete dann auch noch Bundeskanzler Merz mit einer absurden Wortmeldung reichlich Verwirrung. Unser Fraktionsvorsitzender und Sportpolitiker Ralf Böhme kommentiert und ordnet ein.   

Ralf, kurz nach dem deutschen Debakel im Elfmeterschießen gegen Paraguay wurde auf dem offiziellen X-Account von Bundeskanzler Merz ein offenbar vorformuliertes Statement veröffentlicht: „Auch wenn das Ausscheiden schmerzt: Was für ein Spiel, DFB-Team! Mit eurem Einsatz und Teamgeist bei dieser WM habt ihr unser Land begeistert. Wir sind stolz auf euch.“ Das liest sich so, als solle man sich am besten ein Beispiel nehmen an dieser Mannschaft, die sich gerade eine der denkwürdigsten Pleiten in der deutschen Fußballgeschichte geleistet hatte.

Man hatte nie das Gefühl, dass Deutschland bei dieser WM eine gewichtige Rolle spielen könnte. Wenn man dann sang- und klanglos aus dem Turnier ausscheidet, ohne überhaupt mal gezeigt zu haben, was man kann, dann ist das blamabel, Punkt. Und eine Blamage macht nicht stolz.

Welche Worte hättest du denn gewählt?

In so einer Situation darf man ruhig mal die Dinge beim Namen nennen, gerade aus der Emotion heraus: Die Leistung war einfach schwach. Das heißt ja nicht, dass man als Kanzler draufhauen soll. Aber deutliche Worte an die Mannschaft zu richten, verbunden mit der Botschaft, es beim nächsten Mal besser zu machen, hätten viele sicher gut gefunden.

Hättest du ein solches Ende aller Träume für möglich gehalten?

Ich bin schon davon ausgegangen, dass wir weiterkommen, aber knapp und ohne Glanz. Wenn das aberkannte Tor von Tah in der Verlängerung gezählt hätte, wäre dieses 2:1 für mich der typische deutsche Sieg gewesen.

Vom Sechzehntelfinale mit dem deutschen Aus bis zum Finale läuft die WM noch knapp drei Wochen. Wie traurig ist es eigentlich, dass uns die Chance, weiter gemeinsam zu feiern, uns in Biergärten zu den Spielen zu treffen, Euphorie wachsen zu lassen, so jäh genommen wurde? Schließlich schafft kaum ein Ereignis mehr Zusammengehörigkeitsgefühl als eine Fußball-WM oder -EM. Im Erfolgsfall, versteht sich.

Dass die Spiele wegen der Zeitverschiebung fast alle erst am späteren Abend oder mitten in der Nacht sind, macht das mit dem Biergarten schwierig.

Von großer Fußballbegeisterung auf den Straßen war zumindest in den ersten WM-Wochen nicht viel zu spüren. Unser Spiel gegen Paraguay wurde 22.30 Uhr angepfiffen. Da war ich noch auf dem Weg nach Hause und habe in der Stadt nichts Außergewöhnliches bemerkt. Wahrscheinlich saßen die Leute in den eigenen vier Wänden vor dem Fernseher, um Fußball zu gucken. Ob das im weiteren Turnierverlauf anders geworden wäre, werden wir nie erfahren. Ich habe jedenfalls nicht erwartet, dass der Fußball die Stimmung im Land heilen kann. Natürlich haben wir bei uns keine größeren existenziellen Probleme als Länder in Afrika oder Südamerika, wo Erfolge bei der WM ganz anders bejubelt werden. Die Menschen bei uns fragen sich eher, wie in einem vergleichsweise wohlhabenden Land so viel schiefgehen kann. Ich stelle eine Entfremdung der politischen Lager untereinander und von der Politik generell fest.

Was macht dieser Tiefschlag bei der WM mit unserer Gesellschaft?

Der Fußball hat in Deutschland nicht mehr diese gesellschaftliche Wirkung, dass das Land jetzt in Depression verfällt und das länger alle beschäftigt. Auch aus Sicht der Spieler ist der Stellenwert der Nationalmannschaft geringer als in anderen Ländern. Die müssen sich nicht noch unbedingt im Nationaltrikot beweisen, das ist zumindest mein Eindruck. Ansonsten wäre schwierig zu erklären, warum diese Mannschaft einfach nicht über ihren Schatten springen kann. Denn in kaum einem anderen Land spielen so viele Menschen Fußball, wird so mit dem Nachwuchs gearbeitet, sind solche Strukturen vorhanden und die Stadien so voll. Die Ursachen für eine solche Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit müssen also woanders liegen.

Was muss sich ändern, damit Deutschland im Fußball und generell im Sport international wieder konkurrenzfähiger wird? Die Leistungskultur?

Leistungsorientierung nenne ich das. Sport ist ein Abbild der Gesellschaft. In letzter Zeit tendiert der gesellschaftliche Konsens dahin, dass im Sport wie in anderen Bereichen Leistung nicht mehr das alles entscheidende Kriterium ist. Sich durchzubeißen, sich hochzuarbeiten – das sind im Beruf oft keine unbestritten positiven Werte mehr. Im Sport wird der Wettkampfcharakter nivelliert. Kein Wunder, dass wir in den Medaillenstatistiken von Olympischen Spielen immer weiter zurückfallen. Und dass wir viel zu wenig Siegertypen haben, wenn das Siegen häufig gar nicht mehr im Mittelpunkt steht. Beim Sport geht es ums Gewinnen oder Verlieren. Wir werden uns erst dann verbessern, wenn wir das wieder verinnerlichen.