Gelobt sei diese Schule, die tagtäglich Wunder vollbringt
Energie aus Reibung gewinnen? An der 93. Grundschule versteht man sich darauf, Schwierigkeiten in ein Wohlfühlklima umzuwandeln. Aus den wohl kompliziertesten Startbedingungen von Dresden macht die Mannschaft von Schulleiterin Kathrin Schmidt einen ziemlich normalen Schulalltag. Davon konnte sich jetzt auch unser Fraktionschef Ralf Böhme vor Ort überzeugen.
Das Erste, was wir an der 93. Grundschule in Leuben-Dobritz hören, ist Deutsch. Es hätte aber auch Arabisch oder Spanisch, Türkisch oder Farsi, Russisch oder Ukrainisch sein können, um nur einige Herkunftssprachen der Kinder an der Schule zu nennen. Mehr als 30 Nationen lernen hier zusammen, der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund beträgt 70 Prozent, in den ersten Klassen sogar 80 Prozent. Schulleiterin Kathrin Schmidt hat zwar früher selbst auf anderen Kontinenten gelebt, doch eine internationalere Erfahrung kann das eigentlich auch nicht gewesen sein.
An einem Mittwochmittag Anfang Mai empfangen Schmidt und ihr Team den BSW-Fraktionsvorsitzenden und MdL Ralf Böhme im Rahmen der Aktion „Perspektivwechsel“ zum Gespräch inklusive Führung durch das Schulgebäude aus DDR-Zeiten und über das großzügige Gelände mit Schulhof, toller Turnhalle und dem Schulgarten, wo je nach Saison Tomaten, Erdbeeren und Salat wachsen. Von Problemen und Sorgen ist in den knapp zwei Stunden viel die Rede, bemerkt hätte man sie ansonsten kaum. Der Besuch wärmt förmlich das Herz und hinterlässt das Gefühl, dass alles gut wird oder gut werden kann, dann nämlich, wenn man sich kümmert, es richtig macht und damit allen Widrigkeiten trotzt.
Denn so normal sich der Schulalltag auch anfühlt, hat die 93. Grundschule doch mit einem schlechten Ruf zu kämpfen. Und es gelingt nur bedingt, Eltern vom Gegenteil zu überzeugen. Wer kann, entscheidet sich für eine der vier anderen Grundschulen im Grundschulbezirk. „Man meidet uns“, weiß Schmidt. „Die meisten sind noch nicht einmal bereit, sich die Schule überhaupt anzuschauen.“
Aber was stimmt da nicht? Leuben ist ein relativ heterogener Stadtbezirk, alles in allem eher gutsituiert, aber mit punktuellen Ausnahmen. Zu denen gehört das unmittelbare Einzugsgebiet der 93. Grundschule: Neuleuben mit seinen Fünf- bis Fünfzehngeschossern in Plattenbauweise, errichtet Anfang der 1970er Jahre. Der vergleichsweise günstige Wohnraum hat zu einer hohen Konzentration von sozialschwachen Familien einerseits und Zuwanderern andererseits geführt. Kathrin Schmidt spricht von einer „Ghettoisierung“: Die großen Wohnkonzerne versuchen, „bessere“ Viertel möglichst „rein“ zu halten, durchmischte Milieus werden entmischt. Diese Segregation, bei der bestimmte Gebiete geradezu abgehängt werden, sieht das BSW kritisch. „Seit der Wende findet eine räumliche Aufteilung von Dresden statt, die ideologisch gewollt ist oder mit der man sich zumindest abfindet“, so Ralf Böhme.
In der 93. Grundschule wirkt sich diese Gemengelage beispielsweise so aus:
- Der Migrationshintergrund schiebt sich oft genug in den Vordergrund. Manche Kinder sind Analphabeten, wenn sie an die Schule kommen, teils mitten im Schuljahr. Oder sie hatten durch Flucht schon lange keinen Schulunterricht mehr. In Vorbereitungsklassen lernen sie zunächst über mehrere Jahre Deutsch. Das Sächsische Kultusministerium hat eine Abkürzung dieser Integrationsmaßnahme zu Gunsten einer schnelleren Überführung in Regelklassen verfügt. Kathrin Schmidt hält davon überhaupt nichts: „In der Praxis geht das komplett schief.“
- Vieles ist aufwendiger und dauert länger als an anderen Schulen. Schon die Aufnahme eines Kindes geht meist nur mit Dolmetscher und es gibt dabei auch mehr zu klären.
- Instabile Lebensverhältnisse, Arbeitslosigkeit, abgebrochene Bildungswege und Armut im Elternhaus wirken sich auf den Schulalltag aus.
- Die Zahl der Kinder, die wegen mangelnder Schulreife von der Einschulung zurückgestellt werden, ist doppelt so hoch wie im Dresdner Durchschnitt. Häufig landen sie im darauffolgenden Jahr dann wieder an der 93. Grundschule. Dort klingelt auch immer mal das Telefon, wenn andere Schulen mit Härtefällen nicht klarkommen. Kathrin Schmidt: „Da heißt es dann: ,Bei euch klappt das doch so gut.‘ Und wir nehmen diese Kinder auch noch auf, weil das eben die Philosophie unserer Schule ist und bei uns der Umgang mit ihnen tatsächlich deutlich besser funktioniert.“
- Zwei Drittel der Hortkinder sind aktuell vom Beitrag befreit. Das bedeutet, dass ihre Familien gewisse Sozialleistungen beziehen.
- Gymnasialempfehlungen werden erheblich seltener ausgesprochen als anderswo. Gleichzeitig ist die Quote an Kindern, die ein Schuljahr wiederholen müssen, auffallend erhöht. In den dritten Klassen werden es diesmal elf Mädchen und Jungen sein, das ist jetzt schon bekannt. Die Schulleitung führt das vor allem auf mangelnde Deutschkenntnisse zurück, entstanden durch die verkürzte Zeit, um Deutsch zu lernen, und die frühere Benotung.
- Bei der Schulaufnahmeuntersuchung wird dreimal so oft wie im Dresdner Mittel ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt.
- Zu Elternabenden erscheint oft nicht einmal die Hälfte aller Eltern.
- Kinder fehlen überproportional häufig unentschuldigt. So haben sie auch weniger Chancen, die Schule gut abzuschließen.
- Ein Förderverein, der den Pädagoginnen und Pädagogen finanziell und organisatorisch unter die Arme greifen würde, ist illusorisch. Bei notwendigen Arbeiten wie etwa Malern oder Tapezieren packen alle mit an. Der Elternrat unterstützt, aber die Eltern brauchen auch selbst Unterstützung und Anleitung, um sich zu beteiligen.
Unter diesen Umständen nicht den Glauben zu verlieren, den Kindern ein stabiles, positives, altersgerechtes Umfeld zum Lernen und zur Sozialisierung bieten zu können, sodass sich ungeahnte Bildungschancen eröffnen, ist allein schon ein kleines Wunder. Vielleicht haben die sichtbaren Erfolge dabei geholfen, sich nicht entmutigen zu lassen.
Kathrin Schmidt: „Wir haben erreicht, dass aus einer Brennpunktschule eine viel ruhigere Schule geworden ist. Mit sehr gut geführten Klassen, mit superengagierten Lehrkräften, mit moderner Technik, mit modernen Methoden.“
Schulsozialarbeiterin Peggy Turek: „Ich habe hier 2021 angefangen. Da gab es nur eine Fachkraft für Schulsozialarbeit. Die habe ich damals abgelöst. Gewalt war alltäglich. Oft kam der Rettungswagen. Und von präventiver Arbeit konnte gar keine Rede sein. Erst seit 2023 sind wir im Ranking für Fachkräftebemessung hochgerutscht und arbeiten nun zu zweit.“
Hortleiterin Ines Schwindt: „Dass die Kinder bei uns glücklich lernen können, dringt viel zu wenig nach außen. Da wird lieber Schwarzmalerei betrieben, dabei ist die gute Arbeit, die in der Schule und im Hort vollbracht wird, viel besser als unser Ruf.“
Die Herausforderungen werden nicht kleiner. Jetzt kommen die geburtenschwachen Jahrgänge in der Schule an, was die angestrebte Dreizügigkeit in künftigen Klassenstufen gefährdet. Im Moment hat die 93. Grundschule ca. 270 Schülerinnen und Schüler, dieses Niveau soll möglichst gehalten werden. Auch dass wegen der Haushaltssperre nur 50 Prozent des Sachmittelbudgets zur Verfügung stehen, macht die Arbeit nicht gerade einfacher. Wobei die Kinder schon mit wenig zufrieden sind. Schulsozialarbeiterin Katharina Michel erzählt, wie die Reaktion ist, wenn man gemeinsam Schokoäpfel macht: „Viele Kinder sagen dann, dass sie die nie kaufen können, wenn sie mit ihren Familien auf dem Weihnachtsmarkt sind. Die freuen sich richtig über so einen Schokoapfel.“
Nachlassen steht nicht zur Debatte. „Wir geben nicht auf, machen weiter und lassen uns da auch nicht beirren“, sagt Schulleiterin Schmidt. Man betont jedoch, dass Schulsozialarbeit und andere Unterstützungssysteme unter den gegebenen Vorzeichen noch einmal besonders wichtig sind. Was man sich wünscht, auch von der Politik? „Beständigkeit“, antwortet Hortleiterin Schwindt, „dass das bleibt, was angefangen wurde, und die Unterstützung nachhaltig ist. Dann kann man bei uns auf dem Schulhof fröhliche Kinder sehen statt Gewalt.“
BSW-Fraktionschef Ralf Böhme fühlte sich an der 93. Grundschule an die eigene Schulzeit erinnert. Die Arbeit des pädagogischen Kollektivs imponiert ihm: „Ich ziehe den Hut davor, was hier geleistet wird.“ Ralf will bald wiederkommen – und nicht mit leeren Händen.








