Nachgehakt: Was ein Bauvorhaben in Prohlis für Betroffene bedeutet
Auf Google Maps steht die ehemalige 118. Polytechnische Oberschule „Georg Schilling“ in Prohlis noch. In Wahrheit ist das Schulgebäude an der Boxberger Straße, wo nach der Wende das Erich-Wustmann-Gymnasium beheimatet war und das nach einigen Metamorphosen immer weiter verfiel, längst abgerissen. Was für eine staubige Angelegenheit das war, davon können die Anwohner ein Lied singen. Inzwischen hat auf dem Grundstück der Neubau des Berufsschulzentrums Elektrotechnik begonnen. Bei einer Bürgerversammlung in Prohlis war neulich von einem „Leuchtturmprojekt“, einer „Schule der Zukunft“ und von „europäischem Maßstab“ die Rede.
Die Grundsteinlegung findet am 2. November statt, der Schulbetrieb soll im Februar 2029 aufgenommen werden. Parallel entsteht auf der gegenüberliegenden Seite der Prohliser Allee ein Wohnheim für die Azubis aus dem BSZ. Auch dieses Grundstück ist bisher noch belegt und im Gegensatz zu besagter Schule steht der zum Abriss vorgesehene Flachbau am Albert-Wolf-Platz mitnichten leer, sondern ist eine wichtige Anlaufstelle im Wohngebiet. Er beherbergt ein Ärztehaus, in dem sich unter anderem das Hausarztzentrum von Dr. Martin Schoch und die Zahnarztpraxis von Manuela Koch-Zec befinden.
Die Tage dieser Einrichtung sind gezählt, seit der Stadtrat im März mit großer Mehrheit den Bau des Wohnheim-Hochhauses beschlossen hat. Doch wegen der vielen Fragezeichen rund um das Schicksal der Praxen hat sich die BSW-Fraktion bei der Abstimmung bewusst enthalten. Unser Stadtrat Dominik Hecker verwies damals auf die Unwägbarkeiten für die Gesundheitsversorgung in Prohlis und darauf, dass die in Aussicht gestellten „adäquaten“ und „ortsnahen“ Alternativstandorte auf sich warten ließen. Deshalb drohe auch dem Bauvorhaben ein holpriger Start, wenn nämlich mangels Ersatz eine vorzeitige Beendigung von Mietverträgen scheitere und der Abriss deshalb nicht fristgemäß erfolgen könne.
Genau das ist inzwischen eingetreten. Auch mehr als ein halbes Jahr später klagen Betroffene darüber, dass sie nach wie vor ohne einvernehmliche Ersatzlösung dastehen. Darauf machte BSW-Stadtrat Hecker bei der jüngsten Stadtratssitzung aufmerksam und nahm in der Fragestunde Baubürgermeister Stephan Kühn ins Gebet.
„Als Bürger von Prohlis mache ich mir weiterhin große Sorgen um die wegbrechende ärztliche Versorgung in diesem Stadtteil“, sagte Dominik. Von Kühn wollte er wissen, welche Ausweichobjekte denn in Betracht gezogen worden seien, was für Bemühungen zur Gewährleistung einer lückenlosen Versorgung es sonst noch gegeben habe und wie es um das Gesundheits- und Beratungszentrum bestellt sei, das der Masterplan Prohlis 2030+ beinhalte.
Die Antwort fiel ernüchternd aus. Was das Hausarztzentrum betrifft, habe man sich in „zahlreichen Terminen“ zwar „intensiv gekümmert“, einschließlich des freien Immobilienmarktes „nicht nur ein Objekt vermittelt“, doch bei Größe und Miete sei keine Einigung zu erzielen gewesen. Einige der medizinischen Angebote aus dem Ärztehaus sollen, so Kühn, künftig in etwa 500 Meter Entfernung im Stadtteilzentrum Prohliser Allee 10 weitergeführt werden. Dabei würde es sich dann um ein „Gesundheits- und Beratungszentrum light“ handeln. Einen Neubau lasse die Haushaltslage nicht zu.
Am Rande der eingangs erwähnten Bürgerversammlung führte Dominik Hecker auch noch ein längeres Gespräch mit Stadtbezirksamtsleiter Jörg Lämmerhirt. Der Stand der Dinge bietet wenig Anlass zur Freude. Das Wohnheim kann nach Fertigstellung nur mit erheblichen Zuzahlungen aus dem Stadthaushalt betrieben werden. Zahnärztin Manuela Koch-Zec verabschiedet sich aus Prohlis und wird ihre neue Praxis in Pirna eröffnen. Das Hausarztzentrum hat seine Tausenden Patienten über einen Umzug im September 2027 informiert, so lange läuft der Mietvertrag noch.
Die Bauarbeiten können demzufolge nicht wie geplant im Januar 2027 beginnen, sondern erst im Oktober. Infolgedessen verschiebt sich die erwartete Inbetriebnahme Stand jetzt vom Sommer 2029 auf das Frühjahr 2030. Heißt: Öffnet das Berufsschulzentrum Elektrotechnik tatsächlich im ersten Quartal 2029 seine Pforten, finden die Azubis über ein Jahr statt einer Unterkunft eine Baustelle vor.
So viel zu den Risiken und Nebenwirkungen eines Bauvorhabens, das für Prohlis eigentlich eine positive Nachricht sein sollte.








