BSW-Stadtrat Dominik Hecker: Mein Prohlis

Dominik Hecker am Jacob-Winter-Platz, wo viele Fäden zusammenlaufen: Prohliser Allee, Straßenbahn und Zehngeschosser zu beiden Seiten. Nicht im Bild, aber nur wenige Schritte entfernt: das Prohliszentrum. Adleraugen erspähen am Horizont den Fernsehturm.
Ein sozialer Brennpunkt? Ja, aber Prohlis ist viel mehr als das, sagt BSW-Stadtrat Dominik Hecker. Und er spricht aus Erfahrung, schließlich wohnt er selbst in dem Plattenbauviertel. Im Interview wirft Dominik einen differenzierten Blick auf seinen Wahlkreis, dem er neben offenkundigen Problemen auch viele unerwartete Seiten abgewinnen kann.
Wann bist du nach Prohlis gezogen?
Vor 20 Jahren. Ich wohne auf 80 Quadratmetern in einem Plattenbau. Vom Balkon habe ich eine schöne Aussicht nach Süden.
Was hat dich in die Gegend verschlagen?
2006 hatte die Stadt gerade ihren gesamten Wohnungsbestand verkauft. Daraufhin sind die Mieten hier zunächst mal rasant gepurzelt und ich habe mich dummerweise von den Angeboten wie „Kaltmiete 99 Euro“ locken lassen.
Klingt doch gut. Was war der Haken?
Mit Nebenkosten habe ich damals 200 Euro Miete bezahlt. Heute sind es fast 700, ohne dass die Vonovia als Eigentümer viel für uns Mieter getan hätte. Inzwischen gehört das Haus einem Privatinvestor und es wird saniert, ohne dass irgendetwas langfristig abgesprochen gewesen wäre und man die Chance zum Auszug gehabt hätte. Was der neue Besitzer vorhat, ist für die Mieter nicht transparent. Bei Strangsanierung gab es teilweise wochenlang kein Wasser. Wir leben quasi auf einer Baustelle, ganz schlimm.
Ist es also gar nicht so, dass sich Prohlis durch noch relativ erträgliche Mieten auszeichnet?
Bei Neuvermietungen kann der Preis durchaus attraktiv erscheinen. Aber man sollte nach zwei Jahren auf die erste größere Mieterhöhung gefasst sein. Und die Grenzen nach oben sind offen.
Das Wohngebiet, errichtet in den 1970er Jahren für 30.000 Menschen, ist heute berühmt-berüchtigt. Wie lebt es sich dort?
Mit Licht und Schatten, wie wahrscheinlich überall. Man arrangiert sich mit den Nachteilen und lernt die Vorteile zu schätzen. Ich habe hier schöne Zeiten erlebt. Meine beiden Töchter, heute 17 und 13 Jahre alt, sind in einen ganz tollen kommunalen Kindergarten gegangen. Die damals schon etwas ältere Leiterin war unglaublich engagiert und die Mädels haben so unter anderem bereits im Kindergarten Schwimmen gelernt. Später haben beide die 120. Grundschule in Prohlis besucht. Als meine Kleine an der Schule war, wurde dort die neue Turnhalle gebaut.
Was spricht aus deiner Sicht generell für Prohlis?
Wo nicht gerade Durchgangsverkehr herrscht, ist es ein erstaunlich ruhiges Wohnen. Die grünen Innenhöfe sind Rückzugsorte, wo man seinen Frieden findet und Kinder unbeschwert spielen können. Zum Einkaufen ist es nie weit, alle möglichen Großmärkte sind fußläufig zu erreichen. Im Gesundheitszentrum sind auch viele Fachärzte ansässig, sodass die medizinische Versorgung in der Regel vor Ort gewährleistet ist. Mir gefällt, dass ich mit dem Auto in 15 Minuten in der Innenstadt bin. Aber auch die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist gut.
Was würdest du einem Ortsfremden zeigen, damit er nicht nur das Offensichtliche sieht?
Man könnte mit dem wunderbaren Kombibad anfangen, das sowohl Schwimmhalle als auch Freibad ist.
Gebaut noch zu DDR-Zeiten, wurde es vor ein paar Jahren komplett modernisiert. Dann natürlich der Geberbach, der inmitten dieser Häuserschluchten einmal durch ganz Prohlis fließt. Man glaubt es kaum, aber auch so eine Idylle gibt es hier. Die evangelisch-lutherische Kirche, wo meine Töchter in der Jungen Gemeinde sind, befindet sich dort, wo bis in die 1980er Jahre die Reste des Prohliser Schlosses standen. Direkt gegenüber: das Bürgerhaus und das Palitzsch-Museum in zwei restaurierten Häusern, Überbleibseln von Altprohlis. Auch die Freizeitinfrastruktur ist vielerorts sehr vorzeigbar, zum Beispiel mit dem Sportplatz oder den vielen tollen Spielplätzen.
Nun hat Prohlis allerdings einen eher schlechten Ruf …
… was nachvollziehbar ist. Für manche muss allein der Gedanke an ein Leben in diesen Wohnblocks schauderhaft sein. Ich kenne ja nun auch andere Stadtteile in Dresden oder außerhalb, das ist tatsächlich ein großer Kontrast. Außerdem ist Prohlis bekanntlich ein sozialer Brennpunkt – und das sieht man oft auch. Aber man sollte nicht den Fehler machen, alle über einen Kamm zu scheren. Als ich damals vor der Kommunalwahl Flyer in die Briefkasten geworfen habe, ist mir aufgefallen, wie viele Menschen mit Doktortitel hier wohnen. Überhaupt stellt man fest, dass es neben schwierigen Biografien immer wieder Entdeckungen gibt, die Mut machen, weil sie nicht aufgeben und versuchen, mit positiven Werten das Leben in diesem Stadtteil zu meistern. Generell haben viele Menschen hier sehr ähnliche Sorgen, da können Gespräche befreiend wirken.
Was wären für dich aus kommunalpolitischer Sicht begrüßenswerte Initiativen?
Bei mir stünde sozialer Wohnungsbau ganz oben auf der Prioritätenliste. Und ein fairer Umgang mit den Mietern. In der Hinsicht gibt es ganz viele Beschwerden und da bedarf es mehr Kontrolle, damit ein Großkonzern wie Vonovia mit seiner Abzocke nicht durchkommt.
In die vergangenen 20 Jahre fielen mehrere Flüchtlingswellen nach Deutschland. Wie hat das den Alltag in Prohlis verändert?
Migration ist natürlich ein großes Thema. Der Ausländeranteil hat sich immer weiter erhöht und das ist ein Problem. An unserer 121. Oberschule haben fast 50 Prozent nicht oder nicht nur Deutsch als Muttersprache. In meinem Haus sind die Ausländer inzwischen klar in der Mehrheit: Syrer, Libanesen, Osteuropäer, Portugiesen, Lateinamerikaner – ein sehr breites Spektrum an Kulturen. Allerdings kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung heraus nicht sagen, dass sich das auf das Zusammenleben negativ ausgewirkt hätte. Die Zustände waren schon erheblich schlimmer.
Wie kam das?
Wir hatten so um 2010 viele junge Leute bei uns wohnen, die sozial abhängt oder auch frisch aus dem Gefängnis entlassen waren. Da waren Kriminalität und Vandalismus fast schon an der Tagesordnung. Es wurden immer mal wieder Türen eingeschlagen, man hatte teilweise richtig Angst vor diesen Typen. Im Gegensatz dazu sind die Flüchtlinge ja oft Familien mit Kindern und sie haben unserem Haus sogar mehr soziale Kraft verschafft. Man begegnet sich sehr freundlich. Und im Aufzug bekommt man jetzt auch wieder mal ein „Hallo“ zu hören.
https://bsw-vg-dresden.de/krankenakte-eines-bauprojekts-in-prohlis-bsw-warnt-vor-risiken/




