BSW-Stadtrat Maurice Devantier: Mein Pieschen

17. Mai 2026

Physiker Kobe: So würde ich die Energiewende (nicht) machen

Windräder an einer Landstraße im Dresdner Umland

Sigismund Kobe gehört zu den unbequemsten Kritikern der Energiepolitik in Deutschland. Weil der emeritierte Professor für Naturwissenschaften an der TU Dresden aus der Sicht des Physikers argumentiert, sind seine Einwände nicht so einfach als parteipolitisch motoviert oder gar als Unwissenheit abzutun. Neulich war Kobe, Jahrgang 1940, zu einem Meinungsaustausch mit BSW-Fraktionschef Ralf Böhme bei uns im Rathaus zu Besuch. Dabei sprach er über …

… die Logik des Rufs nach einem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien: Was ist in der Energiepolitik vernünftig und muss also befördert werden? Und was gehört zurückgewiesen, weil es unvernünftig ist? Also zum Beispiel die Argumentationskette: Wir haben hohe Benzinkosten, das liegt am Iran-Krieg, wir müssen uns also unabhängig machen von fossilen Brennstoffen, deshalb brauchen wir die Erneuerbaren. Diese Logik ist so etwas von irrsinnig. Dass man überhaupt auf die Idee kommen kann, mit Wind und Sonne fossile Brennstoffe zu substituieren! Soll doch erstmal einer beweisen, dass das geht. Aber man spricht es aus und es klingt gut. Und die Presse tut ein Übriges.

… den Entwurf des kommunalen Wärmeplans für Dresden: Ich habe natürlich meinen Blick auf das Ganze, vom Standpunkt der Physik. Ist es umsetzbar, ist es realistisch? Es gibt in diesem Papier auch viele Dinge, die ganz gut klingen. Aber mein besonderes Interesse galt der Wärmepumpe, die eine zentrale Rolle spielt, und dem Elektrodenheizkesselspeicher. Beziehungsweise den Risiken, die damit verbunden sind. Ich habe lange suchen müssen und dazu nur einen Halbsatz gefunden, auf Seite 28.

… den neuralgischen Punkt im Wärmeplan: Schauen Sie mal auf Seite 28. Da findet man das zentrale Problem in einem einzigen Nebensatz. Man will ja nicht die Schwachpunkte präsentieren. Die versteckt man lieber, wenn man sie selber kennt. Damit die Wärmepumpe betrieben werden kann, braucht man pro Jahr „122.000 Megawattstunden Strom aus erneuerbarer Energie“. Man könnte den Strom auch mit Gas erzeugen, das will man aber nicht. Denn sonst konterkariert man ja die gesamte Idee der Klimaneutralität. Deshalb muss der Strom grün sein.

… das Pumpspeicherwerk Niederwartha, dessen Stilllegung 2024 er scharf kritisiert hat: Und jetzt komme ich, denn ich habe sofort gerechnet. Wie viel grüner Strom ist das denn, den ich da brauche? Nehmen wir mein Standardbeispiel, das Pumpspeicherwerk Niederwartha. Und gehen wir davon aus, dass die Wärmepumpe ja nicht nur dann funktionieren kann, wenn zufällig die Sonne scheint, sondern dass man sie unter anderem auch nachts betreiben muss. Das PSW kann theoretisch bis zu 600 Megawattstunden in einem Zyklus bereitstellen. Wenn man nun 122.000 durch 600 teilt, dann kommt man auf 200 Zyklen pro Jahr. Damit würde das System funktionieren und man hätte den Punkt erfüllt. Aber nur, wenn man es auch wirklich macht. Wenn nicht, dann muss man fossilen Strom nutzen und das ganze Gesumse von Klimafreundlichkeit ist hinfällig.

… die Kosten von Wärmepumpen: Zu den Investitionskosten von 100 Millionen Euro für die Elbe-Wärmepumpe kommen noch 300 Millionen dazu, um das Pumpspeicherwerk wieder in Betrieb nehmen zu können. Bei einer Wirtschaftlichkeitsberechnung hätte man also zunächst 400 Millionen Euro Ausgaben, plus die laufenden Kosten. Das muss ja jemand bezahlen und es zahlt der Gebührenzahler.

… den Erwartungen an eine realistische kommunale Wärmeplanung: Was gebraucht wird, ist eine Gesamtbilanz der benötigten Energieträger und der erneuerbaren Energien, die uns derzeit zur Verfügung stehen, einschließlich der Speichertechnologien. Hier kommen wir wieder auf mein Spezialgebiet zurück, das Pumpspeicherwerk Niederwartha. Es rettet nicht die Welt, auch nicht Dresden. Aber vor dem Hintergrund des Defizits an Speichern müssen wir zumindest alle nutzen, die wir haben.

… die intelligente Funktionsweise von Wärmepumpen: Man muss wissen, dass die Wärmepumpe eine elektrische Heizung ist, aber eine sehr intelligente. Die normale elektrische Heizung, das ist der Tauchsieder: Man lässt Strom durch und erwärmt ein Bad. Damit hat man elektrische Energie als Wärmeenergie zur Verfügung. Bei der Wärmepumpe holt man mehr Energie heraus, als man reinsteckt. Das ist ein gutes Prinzip und ich würde das Konzept auch empfehlen, aber nicht für Deutschland, sondern für Schweden, Norwegen und Frankreich.

… die Länder, in denen sich Wärmepumpen am meisten lohnen: Frankreich ist sogar die bessere Empfehlung. Dort wird elektrisch geheizt, die Winter sind ja auch nicht so kalt. Das heißt man wendet das Tauchsieder-Prinzip an und erwärmt Wasser mit Atomstrom, wovon man ja genug hat. Würden die Franzosen stattdessen auf Wärmepumpen zurückgreifen, dann hätten sie den doppelten Effekt, könnten also mit derselben Menge an Elektroenergie doppelt so viel Wärme erzeugen. Dasselbe gilt für Schweden und Norwegen mit ihrer nahezu vollständig CO2-freien Stromerzeugung. Im Falle von Schweden besteht der Strommix zu ungefähr einem Drittel aus Kernenergie, während die beiden anderen Drittel Wasser- und Windkraft sind. Wasser- und Windkraft ergänzen sich ideal. Wenn Wind geht, lasse ich die Wasserturbinen etwas weniger laufen. Wenn kein Wind ist, dann komme ich mit Wasserkraft aus.

… den Sinn und Unsinn von Fernwärme: Es wird immer propagiert, Fernwärme sei effektiver und klimafreundlicher. Der Standard ist bisher, wie es zum Beispiel in meinem Haus läuft. Das ist an eine Gasleitung angeschlossen. Ich bekomme also das Gas und der Heizkessel macht mir daraus Wärme. Die Idee der Fernwärme, dass eine große Anlage effektiver ist als viele kleine Heizkessel, ist natürlich ganz gut. Sie wird aber sofort wieder dadurch in Frage gestellt, dass die Fernwärme ja auch noch in den Häusern ankommen muss. Ich reiße also alles raus, verlege Fernwärmerohre, die andere Qualitäten haben müssen als die Gasrohre vorher. Vor allem müssen sie durchgehend isoliert sein, damit die Wärme nicht entweicht. Die Frage ist nun, sind die Vorteile dadurch so überragend, dass sich das rechnet? Die Antwort wage ich nicht zu geben. Ich habe aber eine Vermutung.

… die Folgen einer flächendeckenden Installation von Windkraftanlagen: Ein paar Windräder machen nichts. Aber wenn ich Deutschland vollpflastere mit Windrädern, die der strömenden Luft die Hälfte ihrer Energie entziehen, dann hat das meteorologische Folgen in Form von Austrocknung oder Regen mit Ahrtal-Effekt.

Ralf Böhme, Vorsitzender der BSW-Stadtratsfraktion, im Gespräch mit ...

… Korrekturen mit Sinn und Verstand: Man darf natürlich nie das Kind mit dem Bade ausschütten. Das ist die AfD-Idee: Alles wird rasiert, weg mit den Windmühlen. So geht das nicht. Wir müssen versuchen, das System ins Gleichgewicht zu bringen und es vernünftig zu machen, ohne über das Ziel hinauszuschießen.

… das Problem mit den Erneuerbaren: Nach meinen Berechnungen hat bis ungefähr 2012 alles geklappt. Wir hatten ja damals das System Grundlast, Mittellast und Spitzenlast. Fluktuationen bei den erneuerbaren Energien konnten bequem austariert werden. Sobald die Erneuerbaren aber eine bestimmte Größenordnung übersteigen und man versucht, die Grundlast wegzunehmen, hat man immer mehr Schwierigkeiten. Und die Schwierigkeit ist nicht Dunkelflaute, sondern die ständige Bedienung der Fehlmengen.

… den irreführenden Verweis auf die Seltenheit von Dunkelflauten: Dunkelflaute ist grüner Fake, den man selber lanciert hat, um ihn zu entkräften. Angeblich herrscht demnach an ein paar wenigen Tagen im Jahr Dunkelflaute, der fehlende Strom kann dann aber problemlos von Gaskraftwerken ausgeglichen werden, ohne dass der Effekt sonderlich stört. Das ist faule Geschichte der Dunkelflaute. In Wahrheit ist es jeden Tag beziehungsweise jede Nacht dunkel und wenn dann auch noch kein Wind weht, dann haben wir eine Dunkelflaute. Das ist keine Ausnahmeerscheinung, sondern kommt immer wieder vor.

… die verrückte Situation zu Ostern: Residuallast ist ein guter Begriff, der die Differenz zu 100 Prozent bezeichnet, wenn Wind- und Sonnenenergie schon eingespeist sind. Dieses Jahr war die Residuallast zu Ostern an zwei Tagen negativ. In der Prognose lag die Erzeugung durch Wind und Sonne in manchen Stunden 85 Prozent über dem Verbrauch, das gab es noch nie. In der Realität hat man dann gesehen, wie gegen den prognostizierten Überschuss von ca. 40 Gigawatt gekämpft wurde und wie man vor allem durch Abregelung der Windräder eine Reduzierung um 26 Gigawatt erreicht hat. Den Rest hat man verschenkt – zu negativen Preisen. Das heißt wer den Strom in dieser Zeit genommen hat, der hat dafür noch Geld bekommen. Und das ist noch nicht alles, denn dazu kommt die EEG-Einspeisevergütung – nach meiner Berechnung 100 Millionen Euro allein an diesen beiden Tagen. Ich habe das extra verfolgt: Keiner hat darüber berichtet, mit Ausnahme einer grünen Zeitung, die sich freute über „175 Prozent Erneuerbare im Strommix, weiter so“.

… die stagnierenden Erträge der Erneuerbaren: Ab 2019 oder 2020 ist das System zusammengebrochen. Wir haben heute einen Riesenausbau und nur noch geringe oder sogar null Zuwachs an Erträgen. Sogar, wenn man rein die Erträge übers Jahre betrachtet und die Schwankungen außer Acht lässt. Insofern ist die Energiewende, wie Kretschmer sagt, gescheitert.  

… die kaschierte Pleite: Im Frühjahr, sobald die Sonne rauskommt, erleben wir diese Preiszusammenbrüche. Ich sage immer: Börsencrash. Jede Firma wäre in einer solchen Situation pleite. Wir wären auch pleite, wenn nicht aus dem Schuldenfonds immer wieder Geld nachgeschossen würde. Unser Börsencrash ist also ein Dauerbörsencrash. Und das geht so nicht weiter.

… den Haken bei Elektrodenkesseln wie im Heizkraftwerk Nossener Brücke: Wird dieses Geschäftsmodell funktionieren, wenn man die Investitions- und die laufenden Kosten berücksichtigt? Ich habe da große Zweifel. Die Grundidee ist, den Überflussstrom in den Sonnenspitzen zu nehmen und damit Wasser für das Wärmenetz zu erwärmen. Das rechnet sich, solange der Strom umsonst ist. Aber er ist ja nicht umsonst, er wird nur von uns bezahlt. Wenn das mal wegfällt – und es muss fallen –, hat sich auch die Preisspanne erledigt und das Geschäftsmodell des Dresdner Tauchsieders ist dahin. Das wird immer vergessen und nur vom Status quo ausgegangen, in dem Subventionen das System am Leben erhalten, so wie es jetzt chaotisch läuft.

… die Rückkehr zu marktwirtschaftlichen Prinzipien in der Energiepolitik: Das ist eine Zukunftsfrage. Im Moment sieht es so aus, als ob das System funktioniert, aber nur, weil der Markt zerstört ist. Indem man die Subventionen eingepreist hat, ist das Marktprinzip außer Kraft gesetzt worden. Die normalen Marktgesetze mit Angebot, Nachfrage und Preis müssen wieder zur Anwendung kommen. Ansonsten bricht das ganze System irgendwann zusammen.

… den Vorrang des Speicherns von Strom vor Ort: Es wird ständig darüber diskutiert, dass wir Netz und Speicher brauchen. Ich sage, wir brauchen Speicher und Netze. Was ist der Unterschied? Die volatilen Energieträger Sonne und Wind erzeugen Strom zur falschen Zeit am falschen Ort. Diese beiden Fehler korrigiert man mit zwei verschiedenen Gegenmaßnahmen: das „zur falschen Zeit“ mit Speicher und das „am falschen Ort“ mit Netzen. Die spannende Frage ist nun, was man zuerst macht. Speichert man zuerst und leitet dann weiter? Oder leitet man weiter und speichert dann irgendwo? Die Antwort liegt auf der Hand: Man speichert am Ort der Erzeugung. Dann fällt schon mal das Netzproblem zwischen Erzeuger und Speicher weg. Und dann leitet man den gespeicherten Strom bedarfsgerecht weiter. Macht man es umgekehrt, ist das so, als ob man eine sechsspurige Autobahn baut, wo auch richtig viel Verkehr herrscht, aber nur für wenige Stunden. In der restlichen Zeit tun es auch ein oder zwei Spuren. Wenn man die kontinuierliche Belegung der Leitung garantieren kann, dann lassen sich die Kosten für den Ausbau der Netze sehr stark reduzieren. Das geht aber nur mit Speichern.

… gute Gründe, bei der Umstellung auf Klimaneutralität langsam vorzugehen: Wir haben diese Speicher nicht. Und darum wird der Netzausbau nach vorn geschoben. Das heißt, das ganze Konzept scheitert an der Physik. Sich da herauszuwinden, geht nicht. Man muss den Tatsachen ins Auge sehen und in der Konsequenz langsamer vorgehen, nicht voreilig aus bestimmten Energieträgern aussteigen, Kernforschung betreiben.

… sein Rezept für die Energiewende: Ich nehme das, was gut geht. Und das sind die dezentralen Anlagen der Häuslebauer, wenn sie gut funktionieren und vielleicht auch noch ein E-Auto vorhanden ist. Der Hausbesitzer ist selbst klug genug, seine Anlage so zu dimensionieren, dass sie ihm nützt und keinen Abfallstrom produziert. Dann braucht man auch keine Subventionen. Man hat Spaß daran und kann es optimieren. Jede Kilowattstunde ist selbst erzeugt und hat einen Klimaeffekt, weil sie den Verbrauch aus dem örtlichen Netz vermindert. So macht man Energiewende richtig.

https://bsw-vg-dresden.de/desinformation-wissenschaftler-kontert-sachsen-energie/

... dem renommierten Dresdner Physiker Sigismund Kobe.