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15. Juli 2026

Kleingärten in Dresden: Es könnte alles so schön sein

Nach Angaben der Stadt gibt es in Dresden etwa 370 Kleingartenvereine. Um ihre Anliegen kümmert sich der Kleingartenbeirat des Stadtrats. Manfred Beck (78) vertritt dort das BSW. Bei einem Rundgang durch die Kolonie „An der Windmühle“ spricht er darüber, was Kleingärtnern heute zu schaffen macht und warum er lärmende Kinder verteidigt.

Keiner kennt den Gartenverein „An der Windmühle“ in Prohlis besser als Manfred Beck. Aber als er gerade zu erzählen beginnt, warum das so ist, wird er gleich unterbrochen. Hinter einer Gartenhecke winkt eine Hand, dann kommt ein Gesicht zum Vorschein: Klaus Lessmüller bittet zu sich herein. Die beiden sind seit Jahrzehnten befreundet und zusammen um die 150 Jahre alt, da hat man allerhand gemeinsam erlebt, nicht zuletzt in der Kleingartensparte. Zur Begrüßung ziehen sich die Männer erstmal gegenseitig auf. „Der Meckersack“, sagt Beck über Lessmüller. „Der hat 33 Jahre immer gesagt, dass er gar keine Zeit hat, aber zu einem Bierchen konnte man ihn dann doch überreden“, sagt Lessmüller über Beck. Der war 33 Jahre lang Vorsitzender des Gartenvereins, bis er 2024 sein Amt niedergelegt hat.

Kleingarten-Urgesteine: Manfred Beck (li.) und Klaus Lessmüller (re.)

 

Wenig Grün, viel Gemeinschaft

Klaus Lessmüller ist ein Pächter der ersten Stunde. Er hat die Anfänge miterlebt, als dort, wo mal eine Sandgrube gewesen war, die Kleingärten entstanden, vis-à-vis der Betonwände von Prohlis. 1986 wurden die Parzellen vergeben und es muss ein großes Glück gewesen sein, wenn man eine abbekam. Jeden Tag nach Feierabend ging es auf das noch ziemlich kahle Grundstück, wo anfangs kein einziger Busch stand. Wer nicht spätestens 16 Uhr zur Gartenarbeit erschien, fiel unangenehm auf. Denn man war zwar mit dem eigenen Garten beschäftigt, das hieß aber auch, sich gegenseitig unter die Arme zu greifen. „Wir waren alle ungefähr im selben Alter, hatten alle kleine Kinder, das war ideal“, erinnert sich Lessmüller.

40 Jahre später ist die Anlage eine grüne Oase, äußerlich das perfekte Idyll. Gerade erst hat sie den siebenten Platz im stadtweiten Ausscheid um die schönste Kleingartensparte des Jahres belegt. Auch der Garten von Klaus Lessmüller mit seinen 290 Quadratmetern – vorbildlich. Die Probleme sieht man nicht, zumindest nicht auf den ersten Blick. Lessmüller zum Beispiel will seinen geliebten Garten aus Altersgründen zum Jahresende abgeben, allein: Ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Seine vier Kinder haben abgewinkt. Neulich war ein Syrer da und hat sich alles zeigen lassen, „ein feiner Kerl, der wunderbar Deutsch sprach“. Aber als er erfuhr, dass das Ganze einen Preis hat, da hatte sich die Sache erledigt. Andere Bewerber gab es bisher nicht.

Klaus Lessmüller hat auf dem Grundstück eine Laube errichtet und liebevoll eingerichtet, dafür steht ihm nach den geltenden Bestimmungen eine Summe von 1500 Euro zu, dazu kommen 1300 Euro für die Bepflanzung. Für den ohnehin überschaubaren Kreis von Interessenten sei das viel Geld, erklärt Manfred Beck. Aber ganz darauf verzichten? Lessmüller wartet einstweilen ab. „Verschenken“, sagt er, „kann ich das alles immer noch.“

Ausnahmesituation und Alltag

Die Corona-Zeit hat den Kleingärten in Dresden und anderswo einen Boom beschert. Aus den engen Grenzen der Existenz ins Grüne flüchten zu können, half dabei, diese Extremsituation auszuhalten. Doch inzwischen ist wieder Normalität eingekehrt. Und in der wird das gedeihliche Zusammenleben immer wieder auf die Probe gestellt. Schwimmbecken zur Abkühlung an heißen Sommertagen sind so ein Thema, an dem sich die Geister scheiden. Oder auch das Grillen auf dem Nachbargrundstück. Der Rauch treibt den einen oder anderen zur Weißglut. Manfred Beck, der zwar keine Funktion mehr hat, aber oft schlichtend eingreift, berichtet: „Die Leute stehen dann hier vor meinem Grundstück und sagen: Manfred, klär das mal.“

Auch schreiende Kinder sorgen immer wieder für Beschwerden. Darauf ist Beck schon vorbereitet. Er nimmt dann ein beliebiges Buch zur Hand, um den Unzufriedenen angeblich daraus vorzulesen. „Das ist nur Theater, das ich mache, um den Leuten zu sagen: Kinder haben das Recht, laut zu sein. Ich will Kinderlachen hier. Deswegen brauchen wir junge Familien mit Kindern.“

Ein Schönheitswettbewerb als Fingerzeig

Was aber immer deutlicher zu Tage tritt: Die meisten Kleingärtner wollen ihre Ruhe. Ein Indiz ist für Manfred Beck die geringe Beteiligung am Wettbewerb um die schönste Kleingartensparte in den zurückliegenden Jahren. Diesmal seien gerade so 13 Bewerbungen zusammengekommen, sodass man wie gehabt mit zehn Teilnehmern in die Endrunde gehen konnte. Der Wettbewerb wird von der Landeshauptstadt und vom Stadtverband Dresdner Gartenfreunde ausgerichtet. Warum machen nur so wenige Vereine mit? Beck klärt auf: „Viele wollen nicht, dass eine Delegation vorbeikommt und nach dem Rechten sieht. Bei uns hier wurde ich gefragt: Kannst du das nicht verhindern? Aber ich will das gar nicht verhindern, im Gegenteil: Ich bin froh darüber.“

Die Begehung durch die Jury fand Ende Mai statt. Mit von der Partie waren unter anderem Sascha Döll, der Leiter des Amtes für Stadtgrün und Abfallwirtschaft, Frank Hoffmann, der Vorsitzende der Dresdner Gartenfreunde, und Detlef Thiel, der Vorsitzende des Kleingartenbeirats. 

Es gab viel Lob für die Anlage. Deren kleingärtnerische Nutzung habe sich in den letzten zwei Jahren erheblich verbessert. Manfred Beck hält das für Augenwischerei: „Die allermeisten können gar nicht mehr ernten und das, was sie ernten, landet auf dem Kompost.“

„Viel zu viele Vorschriften“

Eingeweihte wissen, dass auch das deutsche Kleingartenwesen durchreglementiert ist wie so vieles in diesem Land. Den Kern der Vorschriften bildet die berühmt-berüchtigte Drittelregelung: Jede Parzelle soll zu mindestens einem Drittel aus Obst- und Gemüseanbau sowie zu höchstens je einem Drittel aus Rasen und Zierpflanzen beziehungsweise aus baulicher Erschließung wie Laube, Gewächshaus und Wegen bestehen. Wer also meint, in seinem Garten nach eigenem Gutdünken schalten und walten zu können, der irrt.

Der Geist der grundlegenden Bestimmungen geht noch auf das Bundeskleingartengesetz von 1983 zurück, vieles scheint längst überholt. Allerlei Merkwürdigkeiten inklusive: Wer beispielsweise sein Werkzeug feinsäuberlich in einem von der Laube separaten Abstellraum untergebracht hat, verstößt gegen das Gesetz, das pro Grundstück nur einen festen Bau erlaubt. Und der Gesetzgeber sorgt mit neuen Vorschriften regelmäßig für weiteres Kopfzerbrechen. Klaus Lessmüller ist genervt: „Ehe sie Gesetze über Gesetze machen, sollen sie erstmal die Alten wegsterben lassen. Daran gehst du doch kaputt.“

Manfred Beck sieht das ganz genauso. „Viel zu viele Vorschriften“ machten auch den Vereinsvorständen das Leben schwer, die sich mit allem möglichen Papierkram herumschlagen müssten und von den wichtigsten Dingen abgehalten würden. Die da wären? „Dass du den Laden im Griff hast und Streit unter den Kleingärtnern, der immer mal aufflammt aus irgendwelchen Gründen, im Zaum hälst, indem du vermittelst.“ Drei Viertel der Dresdner Kleingartenvereine hätten heute, so Beck, keinen funktionierenden Vorstand. Das Frustpotenzial ist hoch, es wird immer schwerer, Leute zu finden, die das auf sich nehmen und auch bei der Stange bleiben. Wenn Beck darauf drängt, dass alles seinen geregelten Gang gehen muss und man sich zudem auch nach außen öffnen solle, anstatt nur im eigenen Saft zu schmoren, stößt das nicht bei allen auf Gegenliebe. „Du bringst Unruhe rein“, heißt es dann gern mal, sagt er.

Der Eingang zum oberen Teil der Kleingartenanlage „An der Windmühle“, vom Plattenbaugebiet Prohlis durch die Straße Langer Weg getrennt.

Kleingartenbeirat muss bohren

Dabei hat sich die Lage seit 1994, als der Kleingartenbeirat gegründet wurde, durchaus entspannt. Damals standen 86 Kleingartenanlagen auf der Kippe. Solche existenziellen Sorgen sind heute zumindest kein Massenphänomen. Manfred Beck schätzt seine Arbeit im Beirat als „wichtig und wertvoll“ ein. Man versuche, die Pläne der relevanten Bürgermeister rechtzeitig zu erfahren, sie dazu auch zu befragen und sich nicht mit ausweichenden Antworten abspeisen zu lassen, denn: „Es ist ein generelles Problem, dass man nicht offen miteinander umgeht, dass man die Dinge unter der Decke hält und wir deshalb erstmal bohren müssen, um sie offenzulegen.“

Positiv sei der regelmäßige Erfahrungsaustausch mit den Kleingartenbeiräten aus Leipzig und Chemnitz. „Dadurch merkst du auch, wo du selber stehst.“ Ende August geht es zum nächsten Treffen nach Chemnitz.

Drei Zitate von Manfred Beck

„Ich hatte vor ein paar Jahren eine Familie hier, die überlegt hat, einen Garten zu nehmen. Zwei Kinder. Dem Kleinen hat man angesehen, dass in seinem Kopf schon das Abenteuer losging, der war begeistert. Der Ältere, vielleicht elf, zwölf Jahre alt, hat die ganze Zeit nur mit dem Handy gespielt und irgendwann gesagt: Nee, der Garten ist nichts für uns. Warum? Es gibt kein WLAN. Das werde ich nie vergessen. Der wusste nicht, was er hier soll. Und das trifft auf viele Halbwüchsige zu. Die gehen lieber ins Kombibad gegenüber. Und da hilft Druck überhaupt nicht. Vorschriften helfen auch nicht.“

„Wenn ich neue Leute durch unsere Anlage führe und denen erkläre, wie schön ein Kleingarten ist, muss ich ihnen auch offen und ehrlich sagen, was sie hier dürfen und was nicht. Leider ist es dann so, dass manche denken: Der übertreibt. Dann sieht man schon relativ am Anfang, dass da etwas schiefläuft. Und dann gibt es den ersten Ärger.“

„Wir haben etliche Zugereiste bei uns, teilweise schon seit vielen Jahren. Das läuft in der Regel reibungslos, aber nur mit Zugereisten kannst du die Anlage auch nicht führen, mal zugespitzt gesagt. Ein Beispiel: Hier haben wir seit 1992 eine Familie, da kommt der Mann aus Weißrussland und die Frau aus Georgien. Vier Kinder, jetzt sind schon die Enkel mit da. Bei denen ist immer etwas los. Es macht mich glücklich, das zu sehen. Die sind freundlich und alles. Aber sie beteiligen sich an keinem Fest und wirken nach der ganzen Zeit immer noch so, als seien sie nicht richtig angekommen. Die machen keinerlei Probleme, aber man sollte sich nicht der Illusion hingeben, dass sie „schon fast Deutsche“ sind, wie manche meinen. Die Leute ändern ihre Lebensgewohnheiten nicht. Wer etwas Anderes behauptet, ist ein Träumer.“